Der "Opferkönig von Bremen" Dr. Carl Hartlaub

Hier könnt ihr Großmeisterpartien und andere berühmte Partien diskutieren.

Der "Opferkönig von Bremen" Dr. Carl Hartlaub

Beitragvon stoppelhoppler » Mi 31. Dez 2008, 17:33

Dr. Carl Hartlaub lernte ich vor etlichen Jahren in einem Berliner Antiquariat kennen.
Er war - mit Verlaub - eine ältere, zerschlissene und etwas zerzauste Erscheinung.
Ohne seine Schachspielereigenschaft und dem Versprechen von Glanzpartien wäre er mit Sicherheit meiner Aufmerksamtkeit entgangen.
So landete er aber in 2. Auflage von 1923 in meinem Bücherschrank und wurde wegen seines Allgmeinzustands von mir nur ganz vorsichtig angeblättert. Seine Gesichter (Diagramme)
versprachen aber schon damals ein interessantes Miteinander.

Ich möchte ihn Euch nun mal etwas vorstellen, zumal eine Affinität zum hiesigen Forum
auffällig ist:

http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Hartlaub

Er wurde in Bremerhaven geboren (anderslautend Wikipedia!) und lebte und wirkte weitgehend in Bremen. Doch verbrachte er wohl auch Studien-, Examenszeiten in Freiburg im Breisgau.
Sein Stil entspricht demjenigen, der Schach mit Mut zum Experiment und aus Spaß an Entdeckungen und Abenteuern ohne vorrangige Ergebnisorientierung spielt. Ich vermute hier durchaus einen Ausgleich zu seinem bürgerlichen und beruflichen Werdegang.
Mit seiner Schacheinstellung ist er mit Sicherheit eine Bereicherung für die "Kiste" und deshalb wollen wir ihn mit ein paar Partien aufnehmen.

Ich habe hier 2 Partien gegen starke Gegner ausgewählt, die gewisse Parallelen aufweisen und in denen er mit der "Hartlaubschen Springerzange" arbeitet - ein von mir heute vermutlich neu geprägter Schachbegriff, auf den ich aber sicherheitshalber kein Copyright erhebe.
Ich der beigefügten PGN-Datei befinden sich noch einige weitere interessante Partien gegen prominente Gegner.

Also, Vorhang auf für den Bremer Opfermeister:


Carl Carls - Dr. Carl Hartlaub Bremen 1920 (A40)

Im "Hamburger Echo" wurde die folgende Partie von Ernst Schuette eingeleitet:
"Die folgende bisher unveröffentlichte Partie ist die neueste Schöpfung der Schachmuse
des als Angriffsspieler berühmten Bremer Rechtsanwalts Dr. Hartlaub.
Wenn auch der gelehrte Schachkritiker über das neue Hartlaudgambit zweifelnd
oder missbilligend das Haupt schütteln mag, die Partie enthält eine solche Fülle von Geist,
daß jeder Schachfreund in das höchste Entzücken geraten muß."


1. c4 b6 2. d4 Bb7 3.Nc3 e6 (Er lockt ihn aus der Reserve. -3... Nf6 4. f3!?)
4. e4 (Ein mutiger Schritt fuer einen eingefleischten 1. c2-c4-Spieler!) 4... f5 (stilgemaess - alternativ:4... Bb4)
5. exf5 Nf6 (und weiter...) 6. fxe6 Be7 (und weiter - development first!) 7. Nf3 O-O 8. Bd3 dxe6 9. O-O Nc6 10. Re1(wird von Schuette mit ? kritisiert, der Le3 vorschlaegt.)
10... Nb4 11. Be2 (etwas sehr vorsichtig und bescheiden.. Zurückhaltender,hanseatisch-gediegener Adelsstil? - 11. Be4 (Schuette) 11... Nxe4 12. Nxe4 c5 - 11. Ng5! mit deutlichem Vorteil lt.shredder)
11... Ng4
Bild

(Kavallerieattacke a la Hartlaub und Vollendung der Springerzange in Perfektion! Er hat fast alles entwickelt und seine Vorhut steht jetzt auf b4 und g4, während die Artillerie zumindest von b7 und f8 aus Mass nimmt! Vielleicht weniger eine Attacke im Stile des BGB als ein Ausflug im Sinne der Strafprozessordnung. Ich habe keine direkte Ahnung, welche Assoziationen Juristen waehrend ihrer Schachpartien bewegen. Vielleicht gibt es hier ja mal Erfahrungsberichte. Die Zahl schachspielender Juristen war und ist ja betraechtlich.)
12. a3 Nxf2 (Was kostet die Welt? Ein Springer auf Entdeckungsreise.. Man beachte die dahinter liegende Idee und den Angriffsmut. Carl Carls war kein "Leichtmatrose".)
13. Kxf2 Nc2! (Die Idee des Opferspiels!)
Bild
14. Qxc2 Qxd4+ 15. Be3 (15. Kf1 Bc5 oder 15. Kg3 Bxf3 16. gxf3 Qh4+ (16... Bh4+ 17.Kh3 Bxe1) 17. Kg2 Qxe1) 15... Bh4+ 16. g3 Qg4 17. Nd5? (17. Qd1 - shredder - Rad8 18. Nd5 exd5 19. Qd4 -17. gxh4?? Rxf3+) 17... exd5 18. Kg1 (besser 18.c5 Qh3 (18... d4 19. c6 dxe3+ 20. Kg1) 18... Rae8 19. Kg2) 19. Rh1 (19. gxh4?? Qxh2+ 20. Kf1 Rxf3+ (20... Ba6 - shredder) - 18. gxh4? d4)
Bild
18... Bxg3! jetzt wird zugepackt: -+19. h3 (19. hxg3 Qxg3+ 20. Kh1 (20. Kf1 Bc8) 20... d4) ... Qxh3 20. Bf1 Qg4 21. Bg2 d4 22. Nh2 Bf2+ (elegant und präzise!) 23. Qxf2 Rxf2 24. Nxg4 Rxg2+ 25. Kf1 dxe3 0-1


Und hier eine Partie gegen den Schachriesen Richard Teichmann:

Carl Hartlaub - Richard Teichmann Leipzig 1922

1. b4 d5 2. Bb2 f5 3. e3 Nf6 4. f4 e6 5. Nf3 (der Bauer b4 kümmert ihn wenig...) 5... Bxb4 6. Nc3 O-O 7. Ng5
(Beginn des Hartlaubangriffs: erste Phase der Springerzange über den Flügel!)
7... h6 8. h4 Ng4 9. Bd3 hxg5 10. hxg5 c5 11. Nb5 (Vollendung des
Hartlaubangriffs: auch der zweite Springer reitet ueber den Flügel und bildet
im Idealfall die Hartlaubsche Springerzange (siehe Partie gegen Carls). Hier
wurde der eine Zangenteil bereits gegen eine offene Linie in Richtung des
gegnerischen Koenigs eingetauscht.)
11... a6 12. Rh7
Bild
(Springerrückzüge kommen beim Hartlaubschen Angriffsverfahren eher seltener in Betracht, auch wenn ich glaube, dass unser Meister auch Scheingefechte und Plänkeleien in seinem Repertoire hatte. Der Textzug ist ein gelungener Bluff, der auch beim
Riesen (schachlich und körperlich) Teichmann eine leichte Wirkung hinterläßt.)

... Rf7 (gut spielbar ist: 12... Kxh7 13. Qxg4 Kg6! - junior, shredder) 13. g6 Rf6 14. Ke2 Rxg6 15. Qh1 Nh6 16. Rxg7+ Rxg7 17. Qxh6 Qe7 $2 18. Nd6!
Bild

Dr. Hartlaub sorgt für Unruhe. Die schwarze Verteidigung ist nicht leicht zu führen.

Bd7? 19. Rh1 Kf8?? 20. Qh8+ Rg8 21. Qxg8+ Kxg8 22. Rh8# 1-0

Ich werde auf diese Partie und ihre möglichen Varianten an anderer Stelle (Taktikteststrecke...) noch mal zurückkommen.
Einige Enginevarianten zu Angriffs-und Verteidigungsalternativen verschweige ich vorerst. Wer will, kann gerne selber forschen - ich empfehle eher junior als z. B. shredder (bei dem hats auf meinem Rechner doch etwas gedauert, bis er sich seine Meinung gebildet hatte!).

Eine überaus bemerkenswerte Partie, auch wenn Teichmann sicher nicht seinen besten Tag hatte. So schwindlig hat ihn Aljechin beim unentschiedenen Wettkampf ein Jahr früher nicht gespielt! :o
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Re: Der "Opferkönig von Bremen" Dr. Carl Hartlaub

Beitragvon Jupp53 » Do 1. Jan 2009, 11:34

:)
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Re: Der "Opferkönig von Bremen" Dr. Carl Hartlaub

Beitragvon project_chaos » Do 1. Jan 2009, 12:22

super partien :o
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Re: Der "Opferkönig von Bremen" Dr. Carl Hartlaub

Beitragvon DrHouse » Do 1. Jan 2009, 14:23

jo kann meinen Vorrednern nur zustimmen: Sehr schöne Partien!
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Re: Der "Opferkönig von Bremen" Dr. Carl Hartlaub

Beitragvon Geck0tierchen » So 25. Jan 2009, 14:06

Nutzloser, inkorrekter Schrott.
She gets upset and lashes out at him for letting himself be crushed by the weight of the world and wasting away his own life worrying about things beyond his control.

However, this is what chess should be like: rich and difficult.
- Tiger H. Persson
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Re: Der "Opferkönig von Bremen" Dr. Carl Hartlaub

Beitragvon Tico » So 25. Jan 2009, 15:19

Geck0tierchen hat geschrieben:Nutzloser, inkorrekter Schrott.


Nutzloser, destruktiver Kommentar.
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Re: Der "Opferkönig von Bremen" Dr. Carl Hartlaub

Beitragvon elvis » So 25. Jan 2009, 17:32

Aber in der Sasche hat Geck0 nicht Unrecht - natürlich sind Hartlaubs Partien nach heutigen Maßstäben nicht "korrekt" und zur Nachahmung nicht zu empfehlen.
Sie haben Unterhaltungswert, vielleicht auch ästhetischen Wert. That's about it.
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Re: Der "Opferkönig von Bremen" Dr. Carl Hartlaub

Beitragvon stoppelhoppler » So 25. Jan 2009, 23:25

Geck0tierchen hat geschrieben:Nutzloser, inkorrekter Schrott.


Danke für die Anregung - da kommen mir gleich auf ein paar Gedanken:

1. Auch (und manchmal gerade) aus zusammengepatzten Partien auch von nicht so starken Spielern entstehen spannende und interessante Stellungen, die eine Beschäftigung lohnen und aus denen neue Erkenntnisse gewonnen werden können.
Auch deshalb posten User ihre Partien und Partieausschnitte.

2. Quervergleiche zählen im Sport nicht, sonst wäre jeder von uns nach ein paar Etappen auf WM-Niveau.
Bei Dr. Hartlaub übrigens nach nur zwei Etappen auf Turnierpartiebasis: Er schlug Teichmann, der gegen Aljechin immerhin einen Wettkampf remis spielte, als sich Aljechin schon auf dem Wege zur Weltmeisterschaft befand.
Natürlich war Dr. Hartlaub weit von diesem Niveau entfernt, weil er auch inkorretken Schrott spielte.
Nutzlos sind seine "Beiträge" aber nur für denjenigen, der nicht die richtige Stelle und Zugang findet. Ist ja auch nicht jedermanns Sache oder jedermanns Stellung im Einzelfall.

3. Wer seine Analysefähigkeit prüfen und vielleicht steigern will, dem sei die Zugfolge im 18. Zug der Partie Hartlaub-Teichmann empfohlen, um die Angriffs-und Verteidigungsmöglichkeiten zu entdecken.
Ich fürchte, hierfür braucht man schon Meisterniveau, um die entscheidenden Varianten und Manöver herauszufinden.
Schwächere Spieler wie ich können sich auch von einer engine leiten lassen und dabei eine gute Lektion in Sachen Angriffsführung erhalten.

4. Diese Möglichkeit erwähnte ich schon im Eingangsbeitrag, doch bin ich bisher nicht dazu gekommen, sie weiterzuführen (z. B. als Taktikstappenmethode).
Und aktuell fehlt mir etwas Zeit und Lust dazu; denn tatsächlich ist so vieles ja nutzlos.
Die Signatur, die Signatur hat nicht immer Recht.
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Re: Der "Opferkönig von Bremen" Dr. Carl Hartlaub

Beitragvon Tico » Mo 26. Jan 2009, 14:50

elvis hat geschrieben:Aber in der Sasche hat Geck0 nicht Unrecht - natürlich sind Hartlaubs Partien nach heutigen Maßstäben nicht "korrekt" und zur Nachahmung nicht zu empfehlen.
Sie haben Unterhaltungswert, vielleicht auch ästhetischen Wert. That's about it.


Sorry, aber das ist einfach respektlos! Und dies sowohl dem Thread-Starter gegenüber, der sich unheimlich viel Mühe mit der Präsentation gegeben hat, als auch den Spielern gegenüber, die in den 20er Jahren, ohne irgendwelche Rechner und Datenbanken an ihrer Seite zu haben, wahre Pionierarbeit in Sachen Schach geleistet haben.

Auch wenn man der DWZ/ELO-Beste dieses Forums sein sollte und von diversen Seiten dementsprechend verhätschelt wird, sollte man sich solche schnöseligen Kommentare verkneifen und immer daran denken, dass man hier allenfalls der Einäugige unter einem Haufen Blinder ist.
Eine hohe Wertungszahl im Schach ist nun mal noch lange kein Indikator für gutes Benehmen - leider!
Tico
 

Re: Der "Opferkönig von Bremen" Dr. Carl Hartlaub

Beitragvon stoppelhoppler » Mo 26. Jan 2009, 16:49

Danke, Tico - ich werde sicher weiter etwas "Schrott" recyclen und hoffentlich einige Abnehmer finden, die daraus etwas Nutzen ziehen können und wenn es nur Unterhaltung ist.

Ansonsten möchte ich anmerken, daß meines Wissens "Rand" das weitaus spielstärkste Forumsmitglied nach Elo und DWZ (da er nicht nur in Italien spielt!) ist, wobei mir gerade einfällt, daß ich FM aka KoC übersehen habe.
Somit bleibt nur ein Treppchenplatz noch frei...
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