ThePainter hat geschrieben:Was haltet ihr von der Idee, sein gesamtes Repertoire nach einem Buch aufzubauen?
Ist es überhaupt sinnvoll alles zu übernehmen (Stichwort: ein stimmiges Repertoire) oder sollte man nicht zurückschrecken, wenn man ein Repertoire baut, dass meinetwegen aus ~7-8 Büchern besteht in denen man jeweils nachschlagen muss.
Bei einer Spielstärke unter 1800 halte ich von der Idee sehr wenig, aber immer noch mehr, als sich mehrere Eröffnungsbücher zu verschiedenen Systeme zu kaufen.
Bis 1600
- werden die meisten Partien durch 'Dickerchen' aus dem Bereich übersehen entschieden. Die lassen sich durch Eigenanalyse gefolgt von einem Scan mit einer Engine am besten entdecken und in der Folge korrigieren. Die damit verbrachte Zeit zahlt sich wesentlich schneller aus, als die Arbeit an einem "Repertoire".
- ist Repertoire in Gänsefüße zu setzen. Es fehlt an ausreichendem Wissen und Analysefähigkeit, um Stellungen ausreichend beurteilen zu können.
- weichen die meisten Gegner Hauptvarianten nach Kräften aus, mit der Begründung, der Gegner kenne sich in dem von ihm gespielten System besser aus. Wieso sonst wird 1.d4 ohne nachfolgendes c4 von so vielen -1600ern ein Leben lang geübt? Was sonst macht die Französische Abtauschvariante, Londoner System, Sizilianische Nebenvarianten, Doppellochaufbauten (kein Igel!), Blackmar-Diemer-Gambit und ähnliches zum täglich Brot des Mittelfeldes und unteren Tabellendrittels in der typischen Vereinsmeisterschaft?
- ist es dreimal sinnvoller Eröffnungsprinzipien zu wiederholen, wiederholen, wiederholen, ... bis sie sitzen, als irgendwelche Varianten (fehlerhaft) zu analysieren.
Beispiel gefällig? - Auf der Suche nach einem Verein, der in meinen Wochenplan passt, bin ich letzten Dienstag auf eine kleine, nette Truppe gestoßen. Dort wurde mit ein Gegner zugeteilt, der mit Schwarz gegen 1.e4 c6 2.d4 d5 3.e5 f5? spielte. Begründung: "Die anderen können besser Theorie als ich." (Und noch ergänzte, der Zug könne nicht so toll sein!???) Sein weiterer Aufbau am K-Flügel war e6-g5-Sh6(-f7)-0-0. Obwohl er sich recht zäh verteidigte, konnte er auf die Dauer den Einbruch am Damenflügel und im weiteren Verlauf den weißen Angriff am K-Flügel mit Öffnung der h-Linie nicht verhindern. Mit Weiß spielte er dann 1.e4 e5 2.c4. Der Aufbau ist nicht ohne Gift. Ich muss zu meiner Schande zugeben, dass ich nach 2. - Sf6 3.Sc3 auf Lc5 (nebst a6) verzichtete und den Läufer sogar nach e7 statt nach g7 stellte. Es gibt Gründe, weshalb es diese Zugfolge von starken Meistern nur gelegentlich gibt. Spielte der Weiße diese Zugfolge mit der Idee, an seiner schachlichen Weiterentwicklung zu
arbeiten, dann wäre es o.k., da irgendwann etwas (hoffentlich) besseres, wie 1.c4 und variables Spiel mit dem Botwinnik-System gegen e5 im Hinterkopf, folgte.
- reicht ein Buch über allgemeine Eröffnungsprizipien bis dahin völlig. Fragt sich der 1600er - am besten mit einem stärkeren Mannschaftskameraden - welche Prinzipien in der Partie verletzt und beachtet wurden, um dann die Folgen zu analysieren, dann reicht das völlig und führt weiter (evtl. bis in ein 'natürlich' sich entwickelndes Repertoire).
bis 1800
- bemerkt der Klötzchenschieber dann ab und zu, dass er gegen stärkere im 60. Zug auf Verlust steht und das nicht der Fall wäre, könnte er (mit Schwarz) h6-h7 oder f5-f7 ziehen. Die Bedeutung der Bauernzüge in Eröffnung und Mittelspiel kommt schemenhaft ins Blickfeld. Der Spieler kennt irgend woher die Namen Tarrasch und Capablanca. Die sollen gemeint haben, dass man zuerst das Endspiel studieren soll. Aber zur Beruhigung ist Tarrasch mit dem Spruch: "Vor das Endspiel haben die Götter das Mittelspiel gesetzt." präsenter. Der Spruch wird dann auch nur so verstanden, dass man Matt setzen kann, statt sich mit Türmen und Bauern zu quälen.
Wie? Im Mittelspiel könnte der eine oder andere besser oder auch gar nicht gespielte Bauernzug das Endspiel erleichtern? Spinnerei!
- lernt man ab und zu etwas aus einer Meisterpartie, z.B. wann man gegen f2-f4 mit f7-f5 kontert und wann man besser e5xf4 spielt oder unterlässt. Dann lohnt es sich, sich eine (=Zahlwort 1) Monographie zu kaufen, regelmäßig bei einer Eröffnung zu bleiben (d.h. insbesondere auch nach zwei oder drei Niederlagen in Folge) und nach der Partie das Brett aufzubauen (von mir aus auch auf einem Monitor) und die Empfehlungen des Autors langsam mit Vorsicht nach zu spielen. Selbst Keres hatte gelegentlich Fehler in seinen Monographien, Pachmann und Euwe ging es da auch nicht besser.
Es gibt Monographien, die schwächeren Spielern helfen sollen. Larry Kaufmann - The chess advantage in black and white (oder so ähnlich) wird in dem Zusammenhang immer wieder lobend erwähnt. Wenn ich jemanden nicht hindern kann, dann empfehle ich für Schwarz gegen 1.d4 "Vigus - Slawisch", mit dem ich seit 2 Jahren und zunehmendem Verständnis rummache. (Dazu gehört auch, dass ich noch jede Menge Grundlagen lernen muss.) Vigus empfiehlt als Ergänzung noch ein Buch gegen 1.d4 - Abweichungen (mir unbekannt). Der gravierende Nachteil, der den Effekt oft gegen Null gehen lässt, - es ist ein Arbeitsbuch.
Aber wesentlich sinnvoller ist doch: Van Perlo's Endgame Tactics oder die Jussupow Tigersprung-Reihe. Van Perlo lässt sich auch als Lesebuch benutzen, Jussupow taugt leider nur als Arbeitsbuch, hat dann aber erstaunliche Effekte.