Turmendspiele aus der Praxis für die Praxis

Moderator: Jupp53

Turmendspiele aus der Praxis für die Praxis

Beitragvon stoppelhoppler » Sa 27. Dez 2008, 23:11

Entsprechend meinen an anderer Stelle geäußerten Vorsätzen vertiefe ich mich etwas in Turmendspiele.
Material gibt es zur Genüge und wird immer mal wieder nachgeliefert. :D
Da will ich dann schon mal "klotzen" und mich gleich mit großen Tieren beschäftigen...
Das hat den Vorteil, größeres Interesse zu finden (zu wecken) und vielleicht später auch mal andere fachkundigere Besprechungen zum Vergleich heranziehen zu können.
Die vergangangene Olympiade hat mir doch einige interessante Turmendspiele schon beim live-klicken offeriert.
Der Klassiker beim "public viewing" Gustafsson-Morosewitsch wird ja in "Schach" sehr schön damit besprochen, daß Jan (und wohl auch andere) immer noch nicht wissen, was nun die Wahrheit über dieses Endspiel sei.
Das macht mir einerseits Mut (Angst vor einer allzu großen Blamage muß ich als Amateur wohl doch nicht haben und ein paar Hilfsmittel stehen mir in Form von Büchern, Datenbanken, Tablebases anders als den Spielern während ihrer Partien auch zur Verfügung), andererseits verdeutlicht es die Schwierigkeit der Aufgabe... :o :roll:
Ich dachte, ich fange mal mit etwas Leichterem an und kramte die Olympiapartie Leko-Caruana aus meiner Erinnerung, die doch in einem recht übersichtlichen Turmendspiel endete.
Irgendwie schaffte es Leko den jungen, aufstrebenden Caruana noch zu überspielen, obwohl das Ganze optisch schon sehr, sehr dicht am Remis aussah. :idea: Da müßte doch für stoppelhoppel was Lehrreiches zu finden sein... :lol:
Lehrreich wars dann diesen Nachmittag auch und endete mit der nicht ganz fremden Erkenntnis, daß ich doch sehr wenig bis gar nichts weiß und bei meinen Fundsachen sehr unsicher bin. Trotzdem werde ich durch diese Beschäftigung für mich neue Erkenntnisse gewinnen, auch wenn ich die "Wahrheit" mangels eigener Spielstärke wohl kaum aufdecken werde.
Meine Zwischenergebnisse möchte ich gerne hier vorstellen und freue mich über jede Mitarbeit, neue Erkenntnisse, Korrekturen und Anregungen aus dem Kreise der Schatz(=ch)kiste. ;)

Die Partie mit den bisherigen Varianten und Anmerkungen füge ich als PGN-Datei anbei und bitte um überwiegende Konzentration auf den (Turm)endspielteil.

Als optische Anregung folgen hier noch ein paar Actionszenen:

Bild

Leko steuerte jetzt mit 35. Lc2 ein reines Turmendspiel an!

Bild

Caruana zog jetzt 46. ... Tc7. Was ist von 46. ... Kxh7 zu halten?

Bild

Weiß ist vorangekommen: Der schwarze König ist abgesperrt und die Bauern marschieren voran. Nach folgendem 66. .. f6 (wohl ?) brach Schwarz dann doch recht schnell zusammen.
Ist seine Stellung tatsächlich schon so schwierig oder gibt es hier noch Ressourcen?
Die Antwort hierzu hat wohl auch Bedeutung für die vorangehende Frage...

tp1_leko_caruana.pgn
RächTschreipung - geä. 28.12.08 ca. 11.50
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Beitragvon stoppelhoppler » Mi 2. Sep 2009, 12:23

In der letztlich entscheidenden Partie um die diesjährige deutsche Frauenmeisterschaft erhielt unser Forumsmitglied ein schwieriges Turmendspiel.

Ich möchte zwei kritische Stellungen herausgreifen und zu weiteren Überlegungen ermuntern.

Stellung nach 28. f4:

Bild

Wie verteidigt Schwarz sich hartnäckig und kann Weiß diesen Widerstand brechen?

Einleitende Überlegung:

Bei Tausch von b-Bauer gegen d-Bauer ergibt sich eine 4:3-Situation auf einem Flügel, die gute Remischancen bietet, obwohl sie immer noch schwierig zu spielen ist.
Die optimale Verteidigungsstellung mit der Struktur f7,g6,h5 (ermöglicht erleichternden Bauerntausch gegen das Vorrücken der weißen Bauern) hat Schwarz zudem noch nicht eingenommen.

Als Alternative schlage ich eine Untersuchung von 28. ... Tb8 mit Umsetzung obiger Ideen vor.

Stellung nach 39. g3:
Bild

Die Situation hat sich weiter geklärt.
Das Thema lautete entfernter Freibauer (bei noch ungeklärten Turmpositionen) bei verbleibenden Bauern auf einem anderen Flügel.

Der Bauer kann in der Regel nicht ohne Unterstützung des angreifenden Königs erfolgreich vorangetrieben werden.
Die Abwesenheit dieses Königs gibt dem Verteidiger die Chance zum Gegenspiel auf der anderen Seite.
Ziel ist es, dort einen Bauern zu gewinnen und die gegnerischen Bauern auf Null zu reduzieren. Dann wird der eigene Turm gegen den gegnerischen Freibauern geopfert und König + Bauer(n) versuchen remis zu halten.

Die Aufgabe der stärkeren Seite besteht darin, das Eindringen des gegnerischen Königs möglichst lange aufzuhalten, während der eigene Raum und Zeit gewinnt.
Auch kann versucht werden, selbst noch einen Bauern zu behalten.

Beide Seiten sind jetzt an einer Zwischenstation angekommen und es scheint, daß die weißen Fortschritte stichhaltiger sein könnten.

Doch ist dem auch wirklich so :?: Ist das soeben erfolgte g2-g3 nicht sogar eine leichte Schwächung und kann Schwarz nicht trotzdem ausreichendes Gegenspiel erreichen :?:

Im Anhang habe ich ein paar denkbare Abspiele angerissen.
Dateianhänge
DFEM_2009_Runde6.pgn
Turmendspiel_in_Runde6
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Re: Turmendspiele aus der Praxis für die Praxis

Beitragvon JerryCotton » Fr 4. Sep 2009, 00:54

Aus meiner heutigen Teampartie. Ich war im weißen Team.

Das nach 22.Lxd4 Txd4 Bild
entstehende Endspiel finde ich sehr interessant. Wäre schön, wenn es jemand für beie Farben analysieren könnte.
"So ist Fussball, manchmal gewinnt der bessere." (dürfte auch fürs Schach gelten :))
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Turmendspiele aus der Praxis für die Praxis

Beitragvon stoppelhoppler » Sa 5. Sep 2009, 20:03

Jerrys Turmendspiel mündet in eine 4:3-Bauernverteilung mit b-Bauern ein.
Hierzu wurden in der Dworetzkys Endspieluni einige neue Verteidigungsansätze gegenüber der bisherigen Lehre gezeigt.
Eine praktische Anwendung dieser Möglichkeiten zeigte Chucky exemplarisch bei der Verteidigung einer derartigen Endspielsituation gegen Aronjan 2007 oder 2008.
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Re: Turmendspiele aus der Praxis für die Praxis

Beitragvon elvis » So 6. Sep 2009, 00:43

Corus Wijk an Zee 2008, Runde 12 (26.01.2008)

"... the rook ending was not easy to win. The white king could never easily leave his kingside pawns, to help escort his passed b-pawn, so black had time to exchange some pawns, and a draw was inevitable."
http://www.coruschess.com/tournament.php?id=72&idgroep=100&mode=report&report=1044
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Re: Turmendspiele aus der Praxis für die Praxis

Beitragvon stoppelhoppler » So 6. Sep 2009, 11:13

"... the rook ending was not easy to win...
http://www.coruschess.com/tournament.ph ... eport=1044[/url]


Ich denke sogar mal, dieses Turmendspiel war/ist gar nicht zu gewinnen.
Materialien hierzu werde ich demnächst hier einstellen.
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Re: Turmendspiele aus der Praxis für die Praxis

Beitragvon elvis » So 6. Sep 2009, 13:25

Hier ist noch ein Turmendspiel von Ivanchuk mit 3:4, diesmal gegen den Randbauern.

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Re: Turmendspiele aus der Praxis für die Praxis

Beitragvon Funkmaus » Mi 9. Sep 2009, 21:28

Hey Stoppelhoppler!
Vielen Dank für die ausführliche Analyse des Turmendspiels.
Wenn ich mir während der Partie so viele Gedanken wie Du gemacht hätte, hätte ich die Stellung bestimmt Remis gehalten. :D
Der Fehler war mit Sicherheit der 39. Zug, Tb3+. Die Folgen des Einmarschs des weißen Königs nach h5 hab ich unterschätzt, wollte mit dem Schachgebot so schnell wie möglich die Zeitkontrolle schaffen.
Liebe Grüße
Jenny
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Re: Turmendspiele aus der Praxis für die Praxis

Beitragvon stoppelhoppler » Do 10. Sep 2009, 00:03

Funkmaus hat geschrieben:...
Wenn ich mir während der Partie so viele Gedanken wie Du gemacht hätte, hätte ich die Stellung bestimmt Remis gehalten. :D
... wollte mit dem Schachgebot so schnell wie möglich die Zeitkontrolle schaffen...


Das habe ich vermutet, daß beim 39. Zug nicht mehr genug Zeit und Ruhe ;) für eine Bewertung der verschiedenen Möglichkeiten bestand.
Unter dem Zeitproblem leiden die Endspiele ohnehin verstärkt - auch nach Zeitkontrolle.

Die Endspiele werden eben auch mal nur nach Gefühl und Zeitnotwendigkeiten gespielt.
In dieser Situation haben schon ganz andere Kaliber ihre Möglichkeiten nicht vollständig genutzt.

Bezüglich Deines Endspiels bin ich mir auch nach ruhiger und entspannter Analyse nicht sicher, an welcher Stelle was zu tun war.
Und das, obwohl ich mir in den letzten Monaten einige Endspiele mit ähnlicher Materialkonstellation angeschaut habe.
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Turmendspiele aus der Praxis für die Praxis

Beitragvon stoppelhoppler » Fr 30. Okt 2009, 15:31

Bei der EMM in Novi Sad gewann Arkadi Naiditsch gegen den bis dahin so erfolgreichen Fabiano Caruana relativ glatt seine Partie:



{34... Kd7 35. Rf5 Ke6 36. Rxh5 Rb1 37. Rh6+ Kf7 38. h4 Rh1
39. h5 Rh3 (39... Ke7?! 40. Rh8 Kf7 41. h6 Rh5 42. Kd3 Rh3 43. h7 Kg7 44. Re8
Kxh7 45. Rxe5 Rxf3+ 46. Ke2 Ra3) 40. Kf1 Rxf3 41. Kg2 Ra3}

Als Amateur fällt es einem selbst wesentlich schwerer, derartige Endspiele zu gewinnen.
Ist das wirklich so einfach oder hat sich caruana nicht hartnäckig genug verteidigt :?:

Mir fällt dazu bisher nur folgender Versuch ein:

34. ... Kd7, 35. Tf5 Ke6, 37. Txh5 Tb1 nebst Th1

Schwarz verteidigt sich mit dem Turm hinter dem Bauern und hält den König in der Nähe des h-Bauern. Gelingt es Weiß, den h-Bauern gegen den schwarzen e5-Bauern zu "tauschen", ohne zwischendurch noch einen Bauern zu verlieren, dann sollte er gewinnen.
Sein König ist aber nicht ganz so einfach zu aktivieren.

Nachtrag: PGN-Viewer-Tauglichkeit schaue ich mir noch an ... :oops:
Hm, Einbau der Varianten klappt bei mir noch nicht ...
Zuletzt geändert von stoppelhoppler am Fr 30. Okt 2009, 18:25, insgesamt 1-mal geändert.
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