Cresspahl hat geschrieben:...Variantenberechnung, dass es daran hakt, ahnte ich schon...
Das hattest Du selbst festgestellt und als Eigenbefund vorangestellt.
Bei wem, auch Spitzenspieler, hakt es dabei nicht.
Ich werde gelegentlich mal ein paar gerade gefundene Beispiele aus der GM-klasse vorstellen.
Was behindert die Variantenberechnung?
1. Zeitknappheit:
Unter Zeitdruck und Streß tritt die Genauigkeit und manchmal auch der Wille zur Berechnung deutlich zurück und es wird nach Gefühl gespielt. Manchmal reine und sehr praktische Notwendigkeit.
Spitzenspieler leisten hier noch sehr viel, doch werden sie gerade hier sehr menschlich und Normalsterblich.
Abhilfe: gesunde Zeiteinteilung, soweit möglich, Training unter Zeitstress, Analyse, weshalb manche Stellungen nicht gerne wenigstens "angerechnet" werden (unbehagliche Stellungstypen, "langweilige" Stellungstypen, fehlende bzw. zu viele Kandidatenzüge, generelle Plan- oder ziellosigkeit)
2. Ermüdungsfaktor/fehlende Berechnungspraxis:
Wer schon in der Eröffnung oder auch später eigentlich berreits Bekanntes selbst neu berechnen mußte, seine Berechnungen immer wieder neu überprüfen muß und fehlendes Wissen und Gefühl durch intensive Berechnungen ersetzen muß, dem fehlt Zeit und Energie für die "crunch time".
Darin sehe ich einen Grund, weshalb 2700er gegen 2500er trotz vorheriger Probleme nicht selten in dieser Phase aus (vermeintlich) gleichen Stellungen spielerisch gewinnen.
Wer harte Berechnungen durch fehlendes Training (mit Kontrolle und Analyse der eigenen Rechenqualität) ohnehin nicht gewohnt ist, der wird an den mehrfachen Aufgaben in einer schwierigeren Partie sicher scheitern.
Abhilfe: Training und allgemeine Erweiterung des Schachwissens sowie spezielle Eröffnungsausarbeitung und Weiterberabeitung mit Mittel- und Endspiel.
Als Trainingsstrecke scheint mir die Testserie von D. King sehr ergiebig zu sein:
Weg vom Computer/Engine und partienah selbst denken und die Ergebnisse kontrollieren.
Voraussetzung: große Disziplin (kein permanentes Hin- und Herspringen zwischen Themen, bevor nicht eine halbwegs brauchbare Wissensbasis gefestigt wurde) und viel Zeitvorrat
3. "Abtörnfaktor":
Es gibt Stellungen, die sind mir bei Schachaufgaben sofort "unsysmpathisch" - ähnlich kann es bei Partiestellungen laufen.
Ich finde nicht schnell Zugang zu ihnen (Motive, Ideen, Kandidatenzüge), der Variantenbaum verästelt sich schnell, die Bewertung einzelner berechneter Varianten wird mir voraussichtlich Schwierigkeiten bereiten (=Spezialthema: richtige Berechnung aber schwierige Bewertung).
In einer praktischen Partie treten auch schon mal unangenehme Assoziationen auf: Stellungstypen, in denen man früher schon Fehler gemacht hat und unsicher spielte.
Abhilfe: "Hypodesensibilisierung" = bewußter und umfangreicher Einbau von unangenehmen Aufgaben (vielfach einfache und komplexere Endspiele mit längeren Verläufen).
Die Situationen, wo man mit "Schach, Schlaack und Schluuuß" (Ausspruch eines Mannschaftskameraden zu einer sehr wichtigen und hübschen Gewinnpartie vor Jahrzehnten) gewinnt, sind eben eher selten und Motivtraining/-wiederauffrischung kann man ständig "en passant" machen (sicher hilfreich, doch harte Arbeit sollte man woanders investieren).
Zu den Partien:
Ich habe nur ein paar angeklickt bisher.
Beim Rauser vermute ich einfach mal, daß Cress der Stellungstyp gar nicht gefiel und er sich ärgerte, in einem normalen Stellungstyp gelandet zu sein, den der Gegner vllt. sogar kennt.
Die Folge könnte gewisser Motivationverlust und fehlenderer Kampfeswille sein, als die Stellung unangenehm zu spielen wurde.
Hier hat man es als Schwarzer psychologisch ohnehin leichter. Während der Weiße sich nicht selten ärgert, die Initiative verloren zu haben und eine etwas schlechtere Stellung verteidigen zu müssen, ist man als Schwarzer auf eine derartige Situation vorbereitet und die Chance beim Drehen der Partie beflügelt diese Seite.
Siehe auch Ausführungen von Yermo (Road to ...) zu Trends in einer Schachpartie.
Im Slawen bei der Ortsmeisterschaft gegen den FM hat Cress imo aufgrund kurzfristiger Möglichkeiten, die aber anscheinend abgewehrt werden konnten, auf der falschen Seite am Königsflügel gespielt, wo der Gegner ohnehin stärker ist. Er hat nicht entsprechend der Bauernstruktur sein Spiel am Damenflügel gesucht, den Gegner dort beschäftigt und sich an anderer Stelle verteidigt.
Vielleicht liegt die Ursache in der Fehlberechnung einer der gewählten optisch aktiven Möglichkeiten. Strategisch wurde hier für mich, einem Impuls folgend auf der Falschen Seite gespielt.
Die Hasslocher Niederlage gegen den FM scheint durch einen unsympathisch verlaufene Eröffnung eingeleitet worden zu sein, die schon negative Gefühle und einen negativen Trend ausgelöst haben könnte.
Hier fehlte mir Verteidigungsbereitschaft, insbesondere bei der Frage, welche Abrauschoperationen sollte man anstreben und welche müssen mit anstrengenderer Arbeit erst einmall vorbereitet werden.
Vielleicht war die Stellung sogar spielbar, dem Weißen war sie vermutlich höchst unangenehm und er dürfte die Eröffnungswahl bereits in der Partie bedauert haben.
