Welche Transfereffekte bietet Schach als Schulfach?

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Re: Welche Transfereffekte bietet Schach als Schulfach?

Beitragvon Anderssen » So 27. Dez 2009, 21:42

@ Jupp: Besten Dank für die interessante Antwort.
Wissenschaftliche Untersuchungen über diese Frage waren mir nicht bekannt (ist auch nicht mein Forschungsgebiet).
Mein subjektiver Eindruck aufgrund eigener Erfahrungen besteht darin, dass die mangelnde Fähigkeit zu visualisieren nicht auf allen Gebieten ausreichend kompensiert werden kann. Insofern bin ich der Meinung, dass es sich doch um einen "Defekt" handelt, obwohl in manchen Bereichen die Kompensationsleistung zu besseren Ergebnissen führt als bei visuell orientierten/befähigten Menschen.
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Re: Welche Transfereffekte bietet Schach als Schulfach?

Beitragvon kladist » Mo 28. Dez 2009, 23:36

@ Visualisierung - Interessant. Wenn ich mich selbst bei der Würfelaufgabe beobachte, stelle ich eine Mischung zwischen sprachlich/operationalem und bildlich/visuellem Vorgehen fest. Zuerst so eine Art Vorprüfung "Wo sind zwei Augen auf einer Seite" mit Ausschluss. Dann aber eine Prüfung mit Drehen bzw. Kippen für die Lage der Seiten. - Mit den Begriffen tue mich aber immer schwer. So habe ich beim Thema "Blindschach" auch schon Schwierigkeiten mit dem Verständnis von "Visualisierung" gehabt und dann den alten Ausdruck "Einbildungskraft" wieder rausgekramt. - Na ja: off topic

@ Stern - Wegen "Wartezimmer": Gibt's hier ein Missverständnis? Ich meinte die Lehr-Lern-Forscherin Elsbeth Stern, nicht die Zeitschrift. Und "Cie." habe ich gar nicht verstanden. - Jedenfalls stimmt das, was ich von der Stern gelesen habe, mit dem überein, was Du, Jupp, über Transfereffekte geschrieben hast. So verstehe ich das mal vorsichtig auch als Zustimmung.

@ Studien - Ich freue mich, für meine Skepsis gegenüber den "Schach+++"-Studien (um es mal so zu nennen) einige Argumente zu bekommen. Schach mit Kindern bzw. Schülern von den Ergebnissen solcher Studien abhängig zu machen, scheint mir ohnehin nur wenig sinnvoll. Wenn man Schach zur Magd schachferner Zwecke macht, läuft man direkt in eine "Begründungsfalle" (hat ein Philologe sehr schön für Latein beschrieben - falls jemand den Link haben möchte...Nachtrag: http://www.text-und-zeit.de/kult/bild001.html). Meines Erachtens sollte man vom Schach her argumentieren und sich dabei NICHT als Heilmittel für aktuelle Defizite anbiedern.

@ Thread-Thema - Die in der Thread-Überschrift formulierte Frage ist eigentlich schon gut beantwortet. Was mir noch einfällt sind die Erfolge von z.B. Maurice Ashley an New Yorker Schulen (Video dazu hier: http://www.youtube.com/watch?v=ILX-nK8T ... re=related). Falls das jemand interessiert, würde ich paar Sachen aus seinen Büchern zusammenfassen.
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Re: Welche Transfereffekte bietet Schach als Schulfach?

Beitragvon Jupp53 » Di 29. Dez 2009, 12:08

@ Stern. Das war tatsächlich von mir falsch verstanden. Frau Stern kannte ich bisher nicht, weil meine berufliche Spezialisierung nicht in der Pädagogik liegt und sie fast 20 Jahre nach meinem Weggang von der Uni zu publizieren begann. Ich habe mir mal zwei Sachen kurz angeschaut und im ersten Überblick arbeitet sie sehr solide. (Kein Vergleich mit Stern, Bunte und Compagnie.) Danke für den Hinweis.

@ M.Ashley: Hier im Forum wurde mal auf eine Serie von Telefoninterviews mit ihm hingeweisen. Wirklich hörenswert. Dort wird er als 'Brother' angesprochen und seine Projekte sind eine interessante Ergänzung. Wenn Du dazu schreibst, dann passt das m.E. immer noch ins Thema. Denn Schach bietet 'Transfer'effekte, allerdings sind sie halt nicht einzigartig. Und es ist garantiert kein Schaden, Schach neben Basketball zu stellen.
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Re: Welche Transfereffekte bietet Schach als Schulfach?

Beitragvon kladist » Di 29. Dez 2009, 12:46

@ Ashley - Die Audios waren, glaube ich, auf der (schönen) Chess Drum-Site von Daaim Shabazz. Da passt "Bruder" schon. - Kurze Zusammenfassung kommt "nächstes Jahr". Bin momentan unterwegs und habe keinen Zugriff auf die Quellen.
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Re: Welche Transfereffekte bietet Schach als Schulfach?

Beitragvon stoppelhoppler » Mi 30. Dez 2009, 22:41

elvis hat geschrieben:...
Argumente für Schach in den Schulen unabhängig von der "Intelligenz"- oder "Schach-statt-Mathe"-Debatte:
Schach übt gewisse grundlegende Fähigkeiten wie Konzentration, Lang- und Kurzzeitgedächtnis, logisches und kombinatorisches Denken, Entscheidungsprozesse, Vorstellungsvermögen, Visualisierung, usw., und auch den emotionalen Umgang mit Erfolgs- und Misserfolgserlebnissen.
Ob der Transfer dieser Übungen vom Schach auf andere Bereiche gelingt, ist eine andere Frage; bei einem erheblichen Teil der Schüler geht das sicher nicht von selbst. Aber das sehe ich nicht als ein Problem des Schulschachs. Wenn die grundlegenden Fähigkeiten da sind und die Schüler sie praktisch anwenden können, ist es eher eine Aufgabe der Mathe-, Latein- und sonstigen Lehrer, ihren Schülern entsprechende Leistungen zu entlocken...


Ich möchte doch noch einmal auf die Transfereffekte zurückkommen und etwas ausführen.

Schach bietet auch Raum für Kreativität, Experimente und Forschung und daneben auch Spaß und Unterhaltung.
Die Komponenten sind für sich und in der Summe schon recht beeindruckend für ein "Spiel".
Allerdings gibt es auch andere Beschäftigungen, die ähnlich komplex und anregend sind.
Ich möchte hier lediglich auch das Spielen eines Musikinstruments hinweisen (was gleichzeitig wiederum ein interessanter Untersuchungsansatz ist: Korrelation von Schach und Musik).

Schach hat allerdings auch negative Wirkungen, die aber wohl nicht ursächlich aus der Beschäftigung mit Schach an sich entstammen:

1. Emotionen: Reichen von Überheblichkeit und überzogenem Selbstbewußtsein bis hin zu starken Selbstzweifeln und Pessimismus - trotz der "Objektivität des Spiels" an sich - in der Mehrzahl tendieren Schachspieler eher in die erste Richtung - natürlich nicht immer übertrieben.
2. Entschlußkraft/-freudigkeit: Sollte eigentlich gestärkt und angeregt werden. Wer sich intensiver mit dem Spiel beschäftigt, könnte aber eher in das Gegenteil verfallen (mit der Erkenntnis eigentlich wenig bis nichts zu wissen... wie der "Doc"...).
3. Zeitaufwand: sehr hoch und ablenkend von anderen (wichtigeren) Aufgaben, gewisse Suchtgefahr (gibts auch bei anderen Spielen)
4. Kommunikation: sehr eingeschränkt während der Partie :lol:

Bei der Beschäftigung mit Schach im Schulbereich ist imo schon darauf zu achten, daß negative Effekte nicht durch Schach herausgebildet bzw. verstärkt werden.

Ansonsten: Obwohl Schach recht ordentlich im Einzel- und Selbststudium angeeignet werden kann und als individualistisch gilt, kann es sehr gut auch in Gruppenarbeit angeboten werden.
Teamarbeit/-fähigkeit dürfte durchaus ein Ausbildungsziel der heutigen Schulen sein und gerade beim individuellen Schachspiel kann man die Effekte von Teamwork vielleicht besser erfahren, als man so gemeinhin denkt.
Die Signatur, die Signatur hat nicht immer Recht.
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Re: Welche Transfereffekte bietet Schach als Schulfach?

Beitragvon kladist » Mi 6. Jan 2010, 12:37

Ich komme auf das Buch "Chess for Success" von Maurice Ashley aus dem Jahr 2005 zurück.
(Die oben von jupp erwähnten Interviews von 2002 sind übrigens hier zu finden: http://www.thechessdrum.net/interviews.html )

Ashleys Argumente für Schach in Schulen stammen zum einen aus dem persönlichen Bereich (eigene Biografie, Karrieren seiner Schüler) und zum anderen aus dem eher theoretischen oder sozialen Bereich (1. Untersuchungen und Studien über die positiven Effekte, 2. Flow-Erlebnisse bei Schach, 3. "40 Entwicklungsziele" eines amerikanischen Instituts, und 4. "Bloom's Taxonomy"). Die persönlichen Argumente und die Punkte 1 und 3 lasse ich mal weg, weil sie schon bearbeitet oder zu spezifisch auf das amerikanische Publikum ausgerichtet sind. Bleiben die Punkte 2 und 4.

Bloom's Taxonomie ist eine Klassifizierung von Ebenen des Lernens oder vielleicht besser der Haltung dabei (Wikipedia-Artikel hier: http://en.wikipedia.org/wiki/Bloom%27s_Taxonomy ). Ashley nennt aufsteigend a) Wissen, b) Verständnis c) Anwendung d) Analyse e) Synthese f) Bewertung. Ein Argument für Schach wird daraus, wenn er schreibt, dass beim Schach alle sechs Ebenen angesprochen werden. Insbesondere fördere Schach das kritische Denken. Während dagegen der übliche Schulunterricht vor allem Wissen abfragt und die anderen Ebenen tendenziell vernachlässigt. Insbesondere wenn es um das Abfragen einzig richtiger Antworten geht. - Diesen Punkt finde ich im Großen und Ganzen recht plausibel.

Flow ist ein Konzept des Psychologen Mihaly Csikszentmihalyi (Wikipedia-Artikel hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Flow_%28Psychologie%29 ) und weitere Artikel hier: http://www.ard.de/ratgeber/gesundheit/v ... 6/1bac6qr/ ). Flow-Erlebnisse sind Glücks-Erlebnisse, die entstehen, wenn man den schmalen Grat zwischen Langeweile und Überforderung findet und sich Herausforderung und eigene Fähigkeiten entsprechen. Dann kann es zum Aufgehen in der Tätigkeit und Flow kommen. Dazu kann es bei vielen Tätigkeiten kommen, im Schach klappt dies aber besonders gut. (In seinem ersten Buch von 1975 hat Csikszentmihalyi übrigens auch ein Kapitel über Schach.) Bitte geht in die Links um mehr darüber zu erfahren.

Mir scheint es als sei das "Flow"-Konzept tatsächlich sehr viel versprechend. Interessante Sachen hat dazu auch Jonathan Rowson, ebenfalls 2005, in seinem Buch "The Seven Deadly Chess Sins" und später in "Chess for Zebras" geschrieben. Und überhaupt scheint mir es in der Sportpsychologie ziemlich akzeptiert zu sein. Aber natürlich kenne ich mich nicht ausreichend aus. Vielleicht könnt ihr mir dazu und zur Forschung in diesem Bereich mehr mitteilen.
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Re: Welche Transfereffekte bietet Schach als Schulfach?

Beitragvon linkinkev » Mi 23. Nov 2011, 00:41

Auch wenn Kasparow nur von "vielen Studien" spricht, die "belegen, dass Schach dafür [Anm: überfachliche Horizonterweiterung] ein sehr gutes Hilfsmittel sein kann ", scheint er doch immer engagierter im Thema Schulschach zu sein.

Kasparow über Schulschach in der FAZ
Die Burg wird das Feld in Sachen Output in einem Jahr überholen! 5.9.2011 (Auch wenns nur in der Spielhalle ist, accomplished)
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