Was habt ihr eigentlich für Ansprüche, wie sich Schachspieler kleiden sollen?
Es gibt da ja unterschiedliche Standpunkte. So gibt es die einen, die von einem Schachspieler erwarten, daß sie die Gilde der Schachspieler gut vertreten und sich seriös und gepflegt kleiden. Außerdem wird vor allem bei Spitzenspielern argumentiert, daß diese durch ihr seriöses und gepflegtes Erscheinungsbild Sponsoren anlocken, die so eher bereit wären, in den Schachsport zu investieren, wovon dann alle was haben.
Die anderen kritisieren dieses Prinzip und stellen in Frage, daß sich Schachspieler vor Sponsoren „prostituieren“ müssen. Für sie geht dadurch, daß die Schachspieler sich in ihrem Erscheinungsbild zunehmend äußerlich gleichen, etwas von der Urtümlichkeit, der Authentizität der Spieler verloren. Sie wollen echte Typen sehen und nicht wie aus dem Ei gepellte Vertreter. Sie wollen sich nicht einem äußeren Druck unterwerfen, der ihnen abverlangt, feine Kleidung zu tragen.
Ich sehe das ähnlich. Für mich ist es wichtig, daß jeder das tragen kann, was er mag und das zu seiner Persönlichkeit passt, die durch die Kleidung ja zu einem guten Teil ausgedrückt wird. Dieser Druck für die Spitzenspieler, feine Anzüge mit Krawatte zu tragen, führt zu einer amorphen Masse, was auf mich einen ähnlich abschreckenden Charakter hat wie etwa Schuluniformen in der Schule. Für mich geht durch diesen Anpassungsdruck etwas von der Authentizität des Schachspiels verloren. Denn gerade Schachspieler haben den interessanten Ruf, exzentrische oder zumindest nonkonformistische Charaktere zu sein, die nicht nur im Schach anderen ihren Stil aufzwingen, sondern auch im Alltag durch Originalität und Urtümlichkeit glänzen. Tony Miles oder Robert Hübner fallen mir da als echte Typen ein. Sie in feine Anzugsuniformen zu pressen wirkt auf mich so, als wolle man Paradiesvögeln ein Korsett aufzwingen, das sie am Fliegen hindert. Wie denkt ihr darüber?
