Mannschaftswettkämpfe

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Mannschaftswettkämpfe

Beitragvon Lestat » Mo 19. Okt 2009, 11:30

Folgende situation:
letzter sonntag war Team-Cub, die regeln sind wie folgt:
* Mannschaft muss 6 spieler anfangs saison melden, nur 2 spieler dürfen stärker als 2030 elo sein
* gespielt wird 4 gegen 4, nur ein spieler darf stärker als 2030 sein
* Knock-out verfahren, der gewinner kommt eine runde weiter, für den verlierer ist die saison fertig

unsere aufstellung war:
brett 1: ca 2100 vs 2200
brett 2: 2050 (war aber auf der liste für die anmeldung noch 2005) vs 1950
brett 3: ich, 1846 vs 1970
brett 4: 2050 (war aber auf der liste für die anmeldung 1990) vs 1950

der team-capitain, welcher auf brett 1 spielte, setzte vor dem spiel folgende ziele: brett 1 und 3 machen remis (da wir je ca. 100 elo schlechter waren), brett 2 und 4 gewinnen.

ja gut, und hier ist der springende punkt, die ganze partie durch hatte ich immer eine stimme im kopf welche mir sagte "du musst remis machen". mein gegner hat nicht sonderlich kreativ gespielt und nach 12 zügen stand er eindeutig schlechter, bot mir dann aber remis. ich ging zum team-capitain, fragte ihn, und er meinte ich solle noch weiterspielen da es auf brett 4 eher schlecht aussah.
ich spielte also weiter aber war noch nervöser, jetzt war die stimme im kopf eher "du hattest du chance auf ein remis, wenn du das jetzt verhaust bist du der idiot des tages". in dieser entspannten situation habe ich dann auch langsam den vorteil wieder verspielt, konnte dann aber in ein endspiel abwickeln welches ganz leicht besser war für mich. mein gegner schlug nochmals remis vor, ich ging zum team-capitain und der meinte ich solle annehmen da sich das blatt auf brett 4 gewendet hat. ich nehme also das remis an, bei der analyse zeigte sich auch dass ich in der endstellung zwar die "schönere stellung hatte", aber mein gegner das remis recht einfach halten konnte. es stellte sich aber auch heraus dass ich 4 züge zuvor eine abwicklung in ein klar gewonnenes turm-endspiel hatte. ich habe diese variante auch durchgerechnet aber ich habe mich dagegen entschieden, da die abwicklung eher kompliziert war und der zug, welchen ich dann gewählt hatte ein remis garantierte (keine komplikationen, einfach eine leicht bessere stellung für mich)

der match ging 2.5-1.5 für uns aus, brett 4 hat gewonnen, die anderen 3 machten remis, glück gehabt.

mein frage ist jetzt, wie geht man mit diesem psychologischen druck "ich muss remis machen" um? ich meine, von anfang an war für mich klar dass mein ziel ein remis ist, auch wenn ich mir sagte, ich spiele nicht auf ein remis sondern versuche natürlich zu gewinnen klappte das nicht wirklich. ich hatte die chance auf einen klaren vorteil, habe ihn aber nicht genommen da ich angst hatte in der abwicklung was falsches zu machen und entschied mich für das "sichere remis".
e^(i*pi) + 1 = 0

What the hell does the ratio of the circumference of a circle to its diameter have to do with the base of the natural logarithm and the square root of -1?
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Re: Mannschaftswettkämpfe

Beitragvon JerryCotton » Mo 19. Okt 2009, 11:40

Ich kenne das Gefühl von meiner letzten Teamleague Partie. Selbst in Gewinnstellung bot ich Remis und habe es schlussendlich noch verbockt.
Allgemein finde ich es schlecht, wenn der Captain einem vor der Partie dieses Päckchen mit auf den Weg gibt. Unverkrampft und frei kämpft es sich am schönsten und am stärksten.
Ich erwarte einen Sieg von dir mag manchen noch motivieren. Aber Remis :?: :?
Ansonsten hast du denke ich die richtige Grundhaltung: Ich spiele auf Sieg!
Unterbewusst entscheidet man sich dann aber doch oft für die vorsichtigen und oft zugleich schlechteren Züge.
"So ist Fussball, manchmal gewinnt der bessere." (dürfte auch fürs Schach gelten :))
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Re: Mannschaftswettkämpfe

Beitragvon lovo » Mo 19. Okt 2009, 22:17

JerryCotton hat geschrieben:Allgemein finde ich es schlecht, wenn der Captain einem vor der Partie dieses Päckchen mit auf den Weg gibt.

Das sehe ich ganz genauso. Als ein ehemaliger Mannschaftsführer mußte ich mir selber mal Gedanken darüber machen. Irgendwann kam ich dann zu dem Schluß, die Leute einfach nur spielen zu lassen. Denn es macht keinen Sinn, vor einem Kampf festzulegen, wie jeder spielen sollte. Daß niemand verlieren will, ist klar. Daß ein nominell deutlich schlechterer Spieler im allgemeinen mit einem Remis zufrieden sein kann, ist auch klar. Und daß ein nominell deutlich besserer Spieler versuchen wird, zu gewinnen, ebenso. Also warum sollte ein Mannschaftsführer vor einem Spiel seine Leute mit solch selbstverständlichen Infos füttern?

Es kommen noch weitere Punkte hinzu.

  • Zunächst einmal sind Wertungszahlen mit Vorsicht zu geniessen. Denn je weiter zwei Spieler geografisch voneinander entfernt sind, umso geringer sind die Berührungspunkte. Wertungszahlen sind darum nur ein Anhaltspunkt, um Spieler in bestimmte Spielklassen einordnen zu können, mehr aber auch nicht. Und selbst solch eine grobe Einschätzung kann noch falsch sein.
  • Niemand kann vorhersagen, wie sich eine Schachpartie entwickelt. Wenn es gerade gut läuft, wäre es nahezu töricht, eine gute Stellung nicht auf Gewinn zu spielen.
  • Es gibt Spieler, die einen sehr aktiven Spielstil haben. Für diese wäre es eine Einschränkung ihrer Möglichkeiten, wenn man sie mit Gewalt zu einem Remis zwingen wollte.
  • Was ist, wenn sich während des Kampfes herausstellt, daß es für die Mannschaft nicht reicht, wenn du "nur" Remis machst; weil nämlich ein Mannschaftskollege sein vorgegebenes Ziel nicht erfüllt hat? Du hast deine Partie nun aber auf ein Remis hin angelegt. Wie willst du dann das Ruder noch rumreißen und plötzlich auf Gewinn spielen? Sowas kann nur ein Gewaltakt werden, der jedoch meistens schiefgeht. Dann ist sogar noch das Remis futsch. Und du bist sauer auf deinen Captain, er auf dich und ihr habt Krach in der Mannschaft. Vielleicht hättest du ihm nach 12 Zügen einfach mal antworten sollen: "Tut mir leid, Chef, aber ich nehme das Remis jetzt an, denn ich kann nicht mehr auf Gewinn spielen. Meine ganze Eröffnung ist nur auf Ausgleich und Remis hin angelegt. Das wolltest Du doch von mir haben. Und genau das liefere ich jetzt. Ich habe also mein Soll erfüllt. Darum sehe ich nicht ein, warum ich nun das ausbügeln soll, was das 4. Brett verpatzt hat!". Was hätte er daraufhin wohl geantwortet? ;)
  • Zu guter Letzt ist die Tagesform enorm wichtig. Was nützen die bestgemeinten Vorgaben, wenn zum Beispiel die Gesundheit an diesem Tage einfach nicht mitmacht?
Da ihr jetzt eine Runde weiter seid, könnt ihr ja mal mit eurem Captain darüber sprechen. Und da du - wie geschildert - gute Gewinnchancen hattest, dürften deine Argumente nicht die schlechtesten sein.

P.S.
Wenn du trainieren möchtest, wie man gegen bessere Gegner bestehen kann, empfehle ich dir, mal in Wie schlage ich überlegene Gegner? von Mednis/Teschner reinzuschauen. Dort gibt es einige sehr wertvolle Tipps zum Thema.
Zuletzt geändert von lovo am Mo 19. Okt 2009, 22:23, insgesamt 3-mal geändert.
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Re: Mannschaftswettkämpfe

Beitragvon Jupp53 » Mo 19. Okt 2009, 22:20

lovo hat geschrieben: Als ein ehemaliger Mannschaftsführer mußte ich mir selber mal Gedanken darüber machen. Irgendwann kam ich dann zu dem Schluß, die Leute einfach nur spielen zu lassen.
Mir ging es ebenso. Glücklicherweise machte ich diese Erfahrung gleich zu Beginn in der Funktion.
Mein Schachblog: http://patzer53.wordpress.com

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Re: Mannschaftswettkämpfe

Beitragvon elvis » Di 20. Okt 2009, 03:03

Meine Erfahrung als ehemaliger und jetzt wieder Teamcaptain:
Vor dem Spiel kann man über die Einzelergebnisse nahezu nichts sagen. Okay, man redet trotzdem darüber, aber das ist nichts reales; das sind Wunschergebnisse oder rechnerische Erwartungen oder Erfahrungswerte aus anderen Spielen, aber diese Wünsche oder Erwartungen treten nur in den seltensten Fällen "planmäßig" ein, die Realität ist meistens anders. Was vor dem Spiel gesagt wird, nehme ich (mit Ausnahmen) nicht ernst, weder als Spieler noch als Captain.

Wenn die Partien laufen, ist es was anderes, dann kann man die Aussichten in konkreten Stellungen bewerten. Das ist auch kein sicheres Kriterium, es kommt oft genug vor, dass eine Partie "kippt". Aber wenn man zu einem Zeitpunkt eine Entscheidung treffen muss, z.B. über ein Remisangebot, sind die aktuellen Stellungen ein vernünftiger Anhaltspunkt.
Das gilt in Lestats Beispiel sowohl für das abgelehnte erste als auch für das angenommene zweite Remisangebot.
Und es gilt auch für die Abwicklung ins Endspiel. Wenn ein Remis für das Team reicht, ist eine sichere Remisvariante völlig okay, da brauchst du dich auf keine komplizierte, eventuell unübersichtliche Abwicklung mit Gewinnabsichten (aber auch dem Risiko etwas zu übersehen) einzulassen.

Im Übrigen: Wenn dein Ziel ein Remis ist, solltest du die Partie so anlegen, dass du nach Möglichkeit immer ein wenig besser stehst, damit dein Gegner einen Grund hat, mit dem Remis zufrieden zu sein.

Und abgesehen davon, 100 ELO- oder DWZ-Punkte sind kein unüberwindlicher Unterschied. Und bestimmt kein Grund, eine solche "Planung" für das Mannschaftsergebnis anzustellen. Ein Gegner, der 100 Punkte mehr hat, ist für mich im Prinzip schlagbar. (Okay, es kommt auch vor, dass ich gegen solche Gegner verliere, aber das mache ich nur ungern; darüber brauchen wir jetzt nicht zu reden.)
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