Hier ein Gespräch mit Làszlò und Klàri Polgàr, die mit ihren drei Töchtern ein Erziehungsexperiment durchgeführt haben, geführt von der Historikerin Susi Koltai aus Zürich und abgedruckt in der Fachzeitschrift "Psychologie Heute", Ausgabe April 1988:
Den ewigen Streit um die Frage nach dem Einfluß von Vererbung und Umwelt auf die Entwicklung eines Kindes glaubt das ungarische Ehepaar Polgàr entschieden zu haben. Es ist überzeugt: In jedem Kind stecken geniale Fähigkeiten, mit richtiger Erziehung kann man aus jedem Kind ein Wunderkind machen. Um diese These zu überprüfen, haben sie mit ihren drei Töchtern experimentiert. Frühzeitiges Training, ein geregelter, von allem Überflüssigen befreiter Tagesablauf und Disziplin sollten die drei zu Schachgenies machen. Das Experiment scheint gelungen: Inzwischen sind die Polgàr-Töchter auch über Ungarn hinaus als Wunderkinder bekannt. Sind Genies doch machbar? Und um welchen Preis?
Psychologie Heute: Was war bisher der größte Erfolg für ihre Kinder?
Làszlò Polgàr: Zsuzsa hat in den letzten eineinhalb Jahren die ELO-Zahl 2500 erreicht. Im Schach gibt diese Wertziffer die Stärke eines Spielers an. Außerdem hat sie schon im Alter von 14 Jahren die Norm der männlichen Großmeister erfüllt. Und sie ist seit Jahren die Beste unter den männlichen Junioren. Mit anderen Worten: Unter 21 Jahren ist kein ebenbürtiger männlicher Junior vorhanden. Bei den kleinen Kindern ist das Entwicklungstempo noch viel schneller als bei Zsuzsa, weil wir mit ihr Erfahrungen sammeln konnten, von denen die Kleinen jetzt profitieren. Und sie sehen das Beispiel Zsuzsas vor sich.
Psychologie Heute: Der Vater scheint ja der Manager der Kinder zu sein. Was hat denn die Mutter in dieser Familie für eine Rolle?
Klàri Polgàr: Ich bin das Mädchen für Alles. Ich beschaffe Bücher, schreibe Briefe, versorge die Familie und begleite meine Töchter zu den Turnieren. Ich habe auch viel für die Sprachkenntnisse von Zsuzsa getan, aber bei den Kleinen bleibt mir dafür weniger Zeit. Ich habe viel Arbeit mit unserer Schachbibliothek.
Psychologie Heute: Haben Sie manchmal Angst davor, daß der Erfolg Ihrer Kinder nachlassen könnte?
Klàri Polgàr: Nein, Angst habe ich keine. Ich vertraue darauf, daß die Mädchen sehr gute Spielerinnen werden. Ich denke, sie werden noch einiges vollbringen. Zsuzsa ist jetzt 18, und die Kleinen sind noch sehr jung. Junge Menschen entwickeln sich etwa bis zum 25. Lebensjahr. Meine Töchter haben einen sehr schweren Weg hinter sich, weil sie sich immer beweisen mußten. Einerseits in den Turnieren, andererseits weil sie Frauen sind. Für sie ist es doppelt schwierig.
Psychologie Heute: Befürchten Sie nicht, daß Sie Ihre Kinder überfordern könnten?
Làszlò Polgàr: Die Kinder haben schon an einem 24stündigen Marathon-Wettkampf teilgenommen. Und dies nach einer 15stündigen Bahnfahrt. Sie haben die ganze Zeit nicht geschlafen und nur gespielt. Wir haben alle drei Stunden Fotos gemacht von diesem Wettkampf, damit man sieht, wann die Ermüdungserscheinungen auftreten. Auf den Fotos sind praktisch keine Anzeichen von Müdigkeit zu erkennen. Zsòfi hat nach diesen 24 Stunden den Kopf auf die Hände gelegt und ist sofort an Ort und Stelle eingeschlafen. Das war vor vier Jahren. Zsuzsa war damals 14, Zsòfi neun, Judit siebeneinhalb. Auch während dieses Wettkampfes haben sie die Erwachsenen geschlagen. Solche Wettkämpfe haben wir ihnen nur zweimal zugemutet, weil das an ihrer Gesundheit zehren würde. Ich hatte damals die Einladung angenommen, um zu beweisen, daß auch kleine Kinder wie Erwachsene solchen Belastungen gewachsen sind. Sie haben es ja auch geschafft. In den letzten 20 Partien haben sie ebenso gute Leistungen erbracht wie in den ersten 20 Partien. Wenn sie die Belastung schlechter ertragen hätten als die Erwachsenen, dann hätten sie in den letzten zwanzig Partien viel schlechtere Resultate erzielen müssen als die Männer. Aber dem war nicht so.
Psychologie Heute: Haben Sie beide sich entschlossen, Ihre Kinder zu Genies zu erziehen, oder ist der Vater alleine "schuld"?
Làszlò Polgàr: Nein, wir sind da beide beteiligt. Ich bin Psychopädagoge, meine Frau ist Sprachlehrerin für Russisch, Deutsch und Esperanto. Wir entschlossen uns, sechs Kinder zu zeugen, um einen pädagogischen Versuch zu machen.
Klàri Polgàr: Mein Mann hatte diese Idee, und ich habe sie akzeptiert,
Làszlò Polgàr: Wir wollten eine psychologisches Experiment durchführen, um die Einflüsse der Vererbung und die der Umgebung zu studieren. Wir haben dabei an konkrete psychologische Fragen gedacht: die frühkindliche Belastung, die frühkindliche Ausrichtung auf ein Spezialgebiet, das Wecken von Interesse beim Kleinkind. Wir wollten untersuchen, was passiert, wenn sich ein kleines Kind ganz von einem Spezialgebiet fesseln läßt. Weiter interessierte uns, welche Rolle die Familie bei der Herausbildung der Genialität spielt und wie sich die Diskriminierung der Frau in der Erziehung und auf die Lern- und Entwicklungsfähigkeit von Frauen auswirkt.
Psychologie Heute: Ist die Frauenfrage für Sie eine wichtige Frage?
Làszlò Polgàr: Ja, für mich ist das eine zentrale Frage.
Psychologie Heute: Und das nicht nur, weil Sie nur Töchter haben?
Làszlò Polgàr: Nein, aber das spielt natürlich auch eine Rolle. Das kann man nicht voneinander trennen. Wenn ich noch einen Sohn hätte, würde ich beweisen wollen, daß das Mädchen ebensoviel erreichen kann wie der Junge. Wir wollten diese Fragen untersuchen und beschlossen deshalb, sechs Kinder zu zeugen. Weitere sechs Waisenkinder wollten wir adoptieren. Man hätte so ein äußerst interessantes Experiment machen können.
Psychologie Heute: Sie haben jetzt aber nur drei Kinder.
Làszlò Polgàr: Wegen der ständigen Schwierigkeiten ließen wir es bei drei Kindern bewenden. Denn man hat uns viele Hindernisse in den Weg gelegt. Beispielsweise wollte uns die Polizei mehrmals zwingen, Zsuzsa in die Schule zu schicken. Aber wir wollten unsere Kinder zuhause unterrichten.
Klàri Polgàr: Ich mußte andauernd mit den Leuten diskutieren. Mit meiner Schwiegermutter, meiner Mutter. Alle sagten: Warum spielt so ein kleines Mädchen Schach? Sie soll mit Puppen spielen und sich so verhalten, wie alle Mädchen. Ich habe mir viel den Kopf darüber zerbrochen, ob ich das Kind Schach spielen lassen darf. Alle wollten mich vom Gegenteil überzeugen. Ich sah, wie Làszlò sich mit Zsuzsa zum Schachspiel setzte und wie glücklich das Kind dabei war; welche Freude in sein Gesichtchen geschrieben stand. Da dachte ich mir: "Was soll daran schlecht sein? Nur weil andere Kinder nicht dasselbe tun?" Ich zweifelte, aber mit der Zeit sah ich, daß mein Mann die Sache richtig vorausgesehen hatte. Mich interessierte nicht mehr, was die anderen Leute meinten, sondern nur, was ich mit eigenen Augen sah. Ich arbeitete damals als Pädagogin mit sogenannten asozialen Mädchen. Meine Arbeit war sehr schwer. Und dann komme ich nach Hause, sehe das erste Schachspiel von Zsuzsa. Vorher war Zsuzsa ein flinkes, herziges Kind, aber sie saß keine Minute still. Beim Schachspiel sah ich sie plötzlich ganz fasziniert und konzentriert dasitzen. Was war denn schlecht daran? Es hat mit ganz gut gepaßt, daß Zsuzsa Schach spielte, wenn ich müde von der Arbeit nach Hause kam. Und die Resultate, die sich dann einstellten, waren wundervoll.
Psychologie Heute: Wie schnell stellten sich diese Resultate ein?
Klàri Polgàr: Zsuzsa war schon ganz früh sehr gut in Mathematik. Als sie vier bis fünf Jahre alt war, hat sie mit meinem Mann die ersten vier Schuljahrgänge Mathematik gelöst. Das Kind war sehr intelligent; es konnte sehr gut Kopfrechnen.
Psychologie Heute: Warum haben Sie ausgerechnet Schach zum Lebensinhalt ihrer Kinder gemacht?
Làszlò Polgàr: Begonnen haben wir mit dem Studium dreier Fremdsprachen. Dann nahmen wir Mathematik und das Schachspiel in Angriff. Zsuzsa hat im Alter von fünf Jahren in Mathematik und im Schach ein derartiges Können erreicht, daß das Vorantreiben beider Disziplinen nebeneinander sich wohl eher hemmend als fördernd ausgewirkt hätte. Mit fünfeinhalb hatte Zsuzsa wissenschaftliche Bücher in der Hand wie andere Kinder Spielzeug. Als Vierjährige war sie im Schach unter den Schülern schon Meisterin von Budapest und zwar gewann sie deutlich: in der Entscheidungsrunde zehn von zehn Spielen. Also mußten wir entscheiden, in welche Richtung wir weitergehen wollten. Wir entschieden uns fürs Schach.
Psychologie Heute: Warum überhaupt Mathematik oder Schach? Warum nicht beispielsweise Tischtennis.
Làszlò Polgàr: Schach hat gegenüber Tischtennis den Vorteil, daß man es bis ans Lebensende spielen kann, während ein Tischtennisspieler mit 25 Jahren schon alt ist. Schach hat einen Vorteil gegenüber der Mathematik, aber auch gegenüber den Künsten: Bei letzteren lassen sich Leistungen kaum objektivieren. Im Schach sind die Leistungen klar und meßbar.
Psychologie Heute: Làszlò, Sie haben eine Broschüre geschrieben, deren Titel "Das Experiment" heißt. Was wollten Sie eigentlich beweisen?
Làszlò Polgàr: Ich wollte zeigen, daß Frauen dieselben geistigen Leistungen erbringen können wie Männer. Ich wollte beweisen, daß die frühe Kindheit bei der Erziehung sehr wichtig ist, daß man dies ausnützen sollte und daß man sich früh spezialisieren muß. Genialität können bereits Säuglinge zeigen. Es gibt zwei Wege - den einen Weg gehen wir. Den anderen Weg würde ich folgendermaßen beschreiben: Ein junger Mensch ist vielseitig begabt und macht darum vielerlei. Ich achte diesen zweiten Weg, aber wer diesen vielseitigen Begabungen tatsächlich nachgeht, der wird auf keinem Gebiet eine vertiefte Sachkenntnis erlangen. Ich gebe ein konkretes Beispiel: In Ungarn ist das Erlernen der russischen Sprache obligatorisch. Alle lernen acht Jahre lang Russisch; trotzdem ist fast niemand imstande, ein Glas Wasser auf Russisch zu bestellen. Ich habe meine Kinder zu Hause erzogen, damit sie auf ihrem Gebiet Hervorragendes leisten. Daneben beherrschen sie viele Sprachen. Zsuzsa spricht sieben: Ungarisch, Englisch, Russisch, Deutsch, Esperanto, Bulgarisch, Spanisch. Sie hat die Sprachen zuhause gelernt mit Hilfe von Intensivkursen. Pro Sprache benötigte sie einen Monat. Täglich lernte sie etwa fünf Stunden intensiv. Die Kinder haben die halbe Welt bereist: In Südamerika haben sie mit Pinguinen gespielt; in der Karibik haben sie bei San Juan gebadet. Sie haben die Magellanenge gesehen, Feuerland, die USA, Kanada. Der amerikanische Botschafter hat sie empfangen, der sowjetische ebenfalls.
Psychologie Heute: Können die Mädchen denn das alles überhaupt verdauen?
Klàri Polgàr: Ja, ja, wir machen ja auch Fotos.
Làszlò Polgàr: (redet unbeirrt weiter) Wir waren in Australien. In Ottawa haben uns Minister empfangen. Im Gebäude der UNO in New York waren wir auf einem Empfang des bolivianischen Botschafters. Wir müssen uns nicht anhand von geographischen Beschreibungen informieren. Die vielen Reisen haben die Vielseitigkeit meiner Kinder besser gefördert, als wenn sie mit Abscheu hätten zur Schule gehen müssen und mit dem einzigen Gedanken in ihren Bänken gesessen wären: "Hoffentlich sind die 45 Minuten bald vorbei, und ich kann in die Pause." Oder: "Hoffentlich sind die Sommerferien endlich da, damit ich keine Bücher mehr sehen muß." Meine Kinder sind an Büchern interessiert, erfahren durch Reisen die Welt und lernen dabei auch noch.
Psychologie Heute: Lesen Ihre Mädchen auch Romane?
Làszlò Polgàr: Weniger. Romane sind heute nicht mehr so wichtig wie früher. Jedermann findet in populärwissenschaftlichen Abhandlungen, was er sucht. Heute sollte man Literatur lesen, die das Wissen mehrt; bei Romanen ist das nicht der Fall. Nun drängt sich die Frage nach der Gefühlswelt auf. Den Gefühlsaspekt im Leben bekommt der Mensch im Kontakt mit seinen Mitmenschen vermittelt. Ferner erfährt er vieles aus der psychologischen Fachliteratur und bis zu einem gewissen Punkt vom Fernsehen.
Psychologie Heute: Sehen die Kinder viel fern?
Klàri Polgàr: Nein, nur selten. Wenn es mal vorkommt, sind es ausgewählte Filme. Selbstverständlich gehören zur Auswahl alle Schachsendungen, gewisse Literaturverfilmungen, die mit dem Inhalt des Schulstoffs zu tun haben. Wir bestimmen, welche Filme wir für richtig halten.
Làszlò Polgàr: Romane sind meistens Zeitverschwendung. Während sie beispielsweise "Krieg und Frieden" lesen, könnten sie eine Sprache lernen. Ihr ganzer Tag ist sinnvoll ausgefüllt: Die Trainer kommen vorbei; die Kinder gehen zu den Turnieren; jeden Morgen spielen sie eine Stunde Tischtennis.
Psychologie Heute: Kommt es nie vor, daß sich die Mädchen weigern, ihr Tagesprogramm zu erfüllen?
Klàri Polgàr: Nein, das gibt es nie, denn ihr Programm ist abwechslungsreich. Ihre Stunden sind nutzbringend eingeteilt. Die Trainer sind ja auch Menschen. Sie unterrichten nicht nur; sie machen Witze, erzählen Geschichten und berichten von ihren Turnieren. So eignen sich die Mädchen ebenfalls Lebenserfahrung an. Oft sind die Stunden sehr lustig, und ein Außenstehender würde nicht vermuten, daß es sich dabei um ernsthaften Unterricht handelt.
Psychologie Heute: Gab es in der Pubertät gewisse Veränderungen bei Zsuzsa?
Klàri Polgàr: Ich habe keine bemerkt. Zsuzsa war immer ein braves Kind. Sie war immer gehorsam, fleißig; mit ihr hatten wir keine Probleme. Die zwei Kleinen sind Schlingel, sie bilden zusammen ein Gespann, im Gegensatz zu Zsuzsa, die lange Einzelkind war. Die Kleinen treiben oft Unfug und haben ein großes Mundwerk. Sie widersprechen uns, aber sie sind auch offener. Zsuzsa hat alles angenommen, was ihr die Eltern sagten. Ich glaube, die drei Kinder sind sehr verschieden.
Psychologie Heute: Glauben Sie, daß die Fähigkeit zur Genialität in jedem Menschen vorhanden ist?
Làszlò Polgàr: Ja, bis zu dem Punkt, wo dieser Mensch von der Gesellschaft kaputtgemacht wird.
Psychologie Heute: Sie glauben also nicht an die Vererbungstheorien?
Làszlò Polgàr: Ich lehne diese Theorien ab und will Ihnen mal sagen, was ich über die Vererbung denke. Einer der größten Genetiker hier in Ungarn, Dr. Zeisler Endre, schrieb in einem Artikel, 1910 seien fünf Prozent der ungarischen Bevölkerung jüdisch gewesen. Der jüdische Anteil an den ungarischen Intellektuellen betrug 20 Prozent. Bei einer Weltbevölkerung von fünf Milliarden schätzt man heute die Zahl der Juden auf 15 Millionen. Dreißig Prozent der bisher verliehenen Nobelpreise gingen an Juden. Das Ganze erzähle ich, weil die Juden nicht aus genetischen Gründen besser abschneiden. Der Grund liegt woanders: Juden wecken in ihren Kindern von klein auf den Wunsch, etwas zu leisten, zu lernen, gescheit zu sein. Entscheidend ist hier die Erziehung.
Nun zu einer anderen Frage: Von wem lernt denn ein Kind am besten? Doch von jener Person, die es gern hat. Von Aristoteles wird erzählt, er hätte einen Schüler weggeschickt. Auf die Frage, weshalb er das getan hätte, antwortete er: "Dieser Schüler liebt mich nicht. Vom Lehrer, den man nicht liebt, lernt man auch nichts." Umgekehrt ist es auch viel leichter, eine geliebte Person zu unterrichten. Es ist nicht gleichgültig, ob ein vier- biss fünfjähriges Kind das Lernen liebt oder haßt.
Das also ist der eine Grund, weshalb Juden in der Erziehung positive Resultate erzielen. Der andere Grund ist die Sache mit der Minderheit. Minderheiten wollten schon seit jeher in der Gesellschaft ihre Fähigkeiten beweisen. Die Juden wurden immer wieder von ihrem Wohnort vertrieben. Deshalb stand das Erlernen fremder Sprachen an vorderster Stelle. Mit dem Sprachunterricht begann man sehr früh. Im übrigen läßt sich eine Fertigkeit sehr leicht in eine andere überführen. Es galt die Maxime: "Nur was Du im Kopf hast, kann man Dir nicht nehmen." Die jüdische Religion schriebt den Unterricht der kleinen Kinder sogar vor. Heranwachsende Jugendliche sind bekanntlich sehr empfindlich. Der Jude ähnelt in seinem Wesen und seiner Empfindlichkeit einem Pubertierenden; denn er lebt im Ungewissen. Er weiß eigentlich gar nicht, wieweit er überhaupt Jude ist, denn das Ausmaß der Identifikation mit dem Judentum hängt nur davon ab, wofür ihn die Nicht-Juden halten. Dieser Mensch weiß nie, wo er in der Gesellschaft überhaupt steht. Er ist in einem ständigen inneren Konflikt und in einer dauernden Anspannung. Diese Gefühlslage macht aus ihm einen problemempfindlichen Menschen. Problemempfindlichkeit war schon immer förderlich für eine gesteigerte Empfänglichkeit und Aufnahmefähigkeit von Wissen. Hinzu kommt ganz allgemein die hohe Bewertung des Wissens in der jüdischen Erziehung und die Erwartung der Eltern, ihr Kind müsse Leistungen erbringen. Wenn das Kind 13 Jahre alt ist, wird es zum Erwachsenen initiiert und für voll genommen. Erfährt ein junger Mensch dieses Vertrauen, werden ihm Flügel wachsen, und er wird der Welt des Wissens zufliegen.
Psychologie Heute: Jedes Kind löst sich doch zu irgendeinem Zeitpunkt seiner Sozialisation von den Eltern ab. Dann akzeptieren die Kinder nicht mehr, was von den Eltern an Wünschen, Erwartungen an sie gestellt wird. Ist das bei Ihren Kindern bisher ausgeblieben?
Làszlò Polgàr: Nun, über eine Sache muß sich Zsuzsa einfach im klaren sein: Wenn sie geniale Resultate erzielen will (hat sie ja bereits), muß sie sich stark auf das Schach konzentrieren. Das nimmt viel Zeit in Anspruch. Voraussetzung für den Aufbau einer Paarbeziehung ist ein beträchtlicher Zeitaufwand, aber auch ein beträchtlicher emotionaler Aufwand. Zsuzsa müßte also ihre Gefühle aufteilen in Emotionen fürs Schach und Emotionen für den Vertreter des anderen Geschlechts. Die produktivsten und maßgeblichen Jahre stehen Zsuzsa unmittelbar bevor. Sie muß für die nächsten drei bis vier Jahre auf eine Beziehung verzichten. Sollte sie den Richtigen finden, wäre das trotzdem keine ausgeschlossene Sache. Aber sie darf nicht verantwortungslos in eine Paarbeziehung hineinschlittern, weil dies ihre Karriere kaputt machen könnte.
Psychologie Heute: Was meint denn Zsuzsa zu dieser Perspektive?
Làszlò Polgàr: Sie ist ein normaler Mensch mit Gefühlen; sie ist ein nicht nur rational denkendes Wesen. Es hat keinen Sinn, wenn wir sie zu etwas zwingen, denn so erreichen wir das Gegenteil dessen, was uns als richtig erscheint. Ich denke, Zsuzsa hat dieses Problem allmählich verarbeitet. Sie brauchte ein bis eineinhalb Jahre, um schön langsam die Sache zu verstehen.
Psychologie Heute: Würde sich bei einem Jungen das Problem ähnlich stellen?
Làszlò Polgàr: Nein. Die Situation ist viel vorteilhafter für einen jungen Mann. Ein Mädchen bedient ihren Freund ja oft, was er umgekehrt kaum tun würde. Ein Junge akzeptiert wohl nur schwer, daß seine Freundin monatelang im Ausland ist. Unterdessen sucht er sich eine andere. Für eine Frau in Zsuzsas Situation ist es viel schwieriger, einen Partner zu haben. Beim Schach handelt es sich um harte Arbeit. Mozart wurde nicht Mozart, weil er seine Zeit vertrödelte, sondern weil er sich täglich zehn Stunden lang mit Musik beschäftigte. Es gibt da keine Ausnahmen. Niemand wird ein Genie, ohne sich tagtäglich mit derselben Materie zu beschäftigen. Auch letzteres beweist, daß nicht angeborene Fähigkeiten die Genialität ausmachen, sondern daß da viel, viel Arbeit dahintersteckt. Beim Schach handelt es sich um schöpferische Arbeit; was Zsuzsa also mangels einer körperlichen Beziehung fehlt, kann ihr in geistiger Hinsicht zugute kommen. Sie lernt Selbstdisziplin, Selbstbeherrschung; lauter Dinge, die sie später im Leben gut brauchen kann. Indem sie das Ersehnte nicht sofort bekommt, indem sie sich nicht jeden Wunsch sofort erfüllen kann, frustriert sie sich selbst ein Stück weit. Es bildet sich eine Frustrationstoleranz heraus, die ein Leben lang sehr nützlich sein kann.
Psychologie Heute: Wie viele Stunden spielen die Kinder täglich Schach?
Làszlò Polgàr: Vier bis sechs Stunden. Manchmal mehr, manchmal weniger. Sie lernen zuhause natürlich auch für die Schule, um am Ende des Schuljahres die Prüfungen ablegen zu können. Glücklicherweise haben die Mädchen ein sehr gutes Gedächtnis. Sie brauchen nur einmal etwas zu lesen; das genügt für die Kenntnis des Schulstoffs. Das Wissen, das sie sich aneignen, beherrschen sie.
Psychologie Heute: Zwischen der offiziellen Schach-Elite und der Familie Polgàr bestehen Widersprüche und Auseinandersetzungen. Ich habe beispielsweise gehört, daß Ihre Kinder nicht gegen Frauen spielen, wohl aber gegen männliche Amateure Simultanspiele annehmen. Warum?
Làszlò Polgàr: Zum ersten Teil der Frage: Das Niveau der Schachspielerinnen ist bei weitem schwächer als dasjenige der Männer. In der Physik gibt es ein Naturgesetz, das besagt, bei wieviel Grad das Wasser zu kochen beginnt. Gleichermaßen hat auch die Psychologie ihre Gesetzmäßigkeiten. Wenn ich will, daß sich die Leistungen unserer Kinder auf einem Männerniveau bewegen sollen, dann muß ich dementsprechende psychologische und schachspezifische Voraussetzungen und Wirkungssysteme für sie sichern. Wenn ich meinen Kindern lauwarmes statt heißes Wasser gebe, werden sie nicht wissen, wie sie mit dem heißen Wasser umgehen müssen.
Die Antwort zum zweiten Teil der Frage: Wir nehmen an Simultanspielen teil, weil wir professionelle Sportler sind, das heißt, wir müssen davon leben. Mein Lohn war sehr schlecht: 2900 Forint (cirka 100 Mark). Von diesem Geld kann man nicht einmal in Ungarn leben. Klàri verließ ihren Brotjob als Lehrerin wegen Zsuzsas Erziehung. Wir fragten uns also, womit wir Geld verdienen konnten. Nun stellen wir ja einen Werbewert dar. Allein in der französischen Schweiz erschienen über uns 150 Artikel innerhalb eines Monats. Unsere Einnahmequelle sind die Honorare der Wettbewerbs-Organisatoren und die Simultanspiele. Für Schachbegeisterte ist es ein großes Erlebnis, wenn sie gegen die Zsuzsa Polgàr spielen dürfen.
Psychologie Heute: Weshalb ist denn die ungarische Schachwelt so wütend auf Sie?
Làszlò Polgàr: Sie wollen nicht begreifen, daß ich für meine Töchter ähnliche Voraussetzungen verlange wie sie für männliche Schachspieler längst eine Selbstverständlichkeit sind. Wenn Portisch, Fischer oder Kasparov auf einem Frauenturnier hätten spielen müssen, und dies in einem ähnlichen Entwicklungsstadium wie Zsuzsa, hätten sie nie ihr jetziges Niveau erreicht. Es ist aus psychologischen Gründen wichtig, daß man Erfolge und Niederlagen nicht mit schwächeren Spielern erlebt. Außerdem ist es nicht gleichgültig, ob man an einem Training für Schwächere oder für Stärkere teilnimmt. Deshalb spielen meine Töchter nicht auf Frauenturnieren. Wir sind aus der Reihe getanzt und das wirft man uns vor. Neid spielt auch eine Rolle, Frauenfeindlichkeit im Schach, unser selbstbewußtes Auftreten und vermutlich auch Antisemitismus.
Psychologie Heute: Gäbe es in Ungarn Schachspieler, die Ihren Töchtern vieles beibringen könnten?
Làszlò Polgàr: Ich habe hier in Ungarn nicht erreichen können, daß ein Großmeister mit den Kindern trainiert. Erst jetzt habe ich einen Vertrag mit einem ausländischen Großmeister, Knezsevics Miloràd, unterschreiben können. Er ist Jugoslawe. Hier in Ungarn werden wir geschnitten. Wenn einer Zsuzsa etwas beibringt, wäre es ja möglich, daß sie ihn im nächsten Jahr schlägt. Die Schachspieler in Ungarn sind dermaßen untereinander zerstritten, daß sie sich nicht einmal für ein Nachtessen an einen gemeinsamen Tisch setzen würden.
Psychologie Heute: Leben Sie hier in Ungarn isoliert? Haben Sie Freunde?
Làszlò Polgàr: Wir haben einige Freunde, aber mit unserer Lebensweise können wir keinen richtigen Freundeskreis herausbilden. Denn was wir tagaus, tagein machen ist: arbeiten, arbeiten, arbeiten.
