Vor ein paar Tagen hatte ChessVibes einen kurzen Artikel über den niederländischen Protest veröffentlicht. Der hat vermutlich die jetzige Diskussion ins Rollen gebracht.
Verabschiedet wurden die Vorschläge auf einer Sitzung der "Events Commission" Ende März / Anfang April und anschließend im Mai von Vizepräsident Ignatius Leong (Singapur) in Form gegossen. Leong hat sich in der Vergangenheit mehrfach für Regelverschärfungen eingesetzt, unter anderem "Null Toleranz" beim Zuspätkommen. Die "üblichen Verdächtigen" Illu und Makropoulos waren bei der Sitzung nicht anwesend. Teilgenommen haben vermutlich qua Amt FIDE-Schatzmeister Freeman und Geschäftsführer Jarret; außerdem vier andere Leute, von denen mir nur Ali Nihat Yazici, der Präsident des türkischen Verbands namentlich bekannt ist - ein nicht unumstrittener Zeitgenosse. (Wer will, mag im Feld stöbern, was Ufuk dort verschiedentlich an Vorwürfen wiedergegeben hat.)
Aus den Dokumenten wird mir nicht klar, wer hinter der Idee steht. Wenn Leong sich der Sache angenommen hat, ist es jedenfalls ernst.
Das Ziel der Aktion, mehr Geld in die Kassen der FIDE zu leiten (wobei diesmal auch die nationalen Verbände beteiligt werden), ist nicht zu übersehen. Das ist auch völlig auf der Linie von Illus erklärter Politik, dass die FIDE reicher werden soll. (Was am Anfang seiner Präsidentschaft tatsächlich eine bittere Notwendigkeit war - als Illu den Laden von Campomanes übernommen hat, war die FIDE ziemlich bankrott.) Neu ist, dass man jetzt direkt in die Taschen der einfachen Mitglieder greifen will. Bis jetzt hatte die FIDE sich vorzugsweise bei Verbänden, Organisatoren und deren Sponsoren bedient ("Die FIDE nimmt 20 Prozent").
(Nebenbei: Der Vorschlag enthält nicht nur die drastisch erhöhten Gebühren für Spieler, ELO-Auswertung, Schiedsrichter und Turnierveranstalter. Es ist auch vorgesehen, dass der nationale Verband komplette Daten (Name, Geschlecht, Jahr und Ort der Geburt sowie Personalausweis-Nummer) und ein Foto von allen Mitgliedern - ob mit oder ohne ELO-Rating - an die FIDE übermittelt, dafür bekommen die registrierten und "lizenzierten" Spieler dann einen Spielerausweis mit ihrem Foto.
Ich glaube nicht, dass der DSB die logistische Herausforderung stemmen könnte, Fotos von 85.000-90.000 Spielern zu beschaffen. Vollends überfordert wäre er dann, wenn es darum geht, die Spielerausweise unters Volk zu bringen. Der DSB hat zwar in seiner Datenbank Adressen von allen Mitgliedern, die Adressen sind aber zu einem erheblichen Teil veraltet oder falsch. Nicht einmal die Kontaktadressen der Vereine sind vollständig und aktuell.)
Der bissige Kommentar von Ralph Alt hat mich gewundert - das hätte ich nicht unbedingt von ihm erwartet.
Nebenher habe ich vorhin die Tagesordnung und Unterlagen für die FIDE-Sitzung in Krakau quergelesen. Die üblichen Formalitäten, kleine Satzungsänderungen, Organisation von Jugend-WMs etc., dazu die heiteren Kleinigkeiten (Aufnahmeantrag des neuen Landesverbandes der Komoren-Inseln, vor 4 Monaten gegründet, hat derzeit 33 Mitglieder in 4 Vereinen, einen Landesmeister haben sie auch schon ausgespielt; ein venezolanischer Professor möchte Schach zum Weltkulturerbe erklären und feststellen lassen, dass jedes Kind das Recht hat, Schach zu lernen; ein hoffnungsloser Versuch, medizinische Forschungen für eine Schach-spezifische Dopingliste in Ganz zu bringen). Eventuell könnte es wieder Änderungen an den Schachregeln geben, dafür ist aber noch keine Vorlage da. Blitz- und Schnellschach sollen "zur Kommerzialisierung" gefördert werden und dafür eigene Ratingzahlen eingeführt werden. Ein Vorschlag, "asiatisches Schach" (= chinesisches Schach?) als eine besondere Variante in den Schachregeln zu beschreiben, vielleicht mit einem ähnlichen Status wie "Schach 960" alias Fischer-Random.
Im Kassenbericht viel "business as usual". Für das Personal in den Büros in Athen und Moskau wurde deutlich weniger ausgegeben als geplant - weniger Mitarbeiter eingestellt oder geringere Gehälter gezahlt? Von dem Etat zur Förderung der "schachlichen Entwicklungsländer" (derzeit 26 Länder, vor allem in Afrika) wurde mal wieder ein Drittel nicht ausgegeben. Auf der anderen Seite gab es einen ganz dicken Sonderposten: Anwalts- und Gerichtskosten für den Rechtsstreit mit Karpow vor der Präsidentschaftswahl 2010 - das hat die FIDE über 800.000 Euro gekostet, mehr als ein Drittel des gesamten FIDE-Etats.
Edith:
Laut Frank Hoppe (Kommentar im Schachwelt-Blog) wurde in der FIDE schon vor Jahren über eine Erhöhung der ELO-Gebühren nachgedacht.
