anbaho hat geschrieben:Was genau stört Euch eigentlich an HWS ?
Um es auf einen Punkt zu bringen: Das exzessive Marketing-Gehabe.
Spezifisch drei Punkte (die Reihenfolge ist eher zufällig und bedeutet keine Gewichtung):
1. Seine Sprache. Schmitt neigt dazu, Dinge aufzubauschen, zu übertreiben, allzu groß und wichtig zu malen. Dabei greift er, wie Riddler es nennt, zu "Worthülsen, leeren Phrasen". Das hat einiges gemeinsam mit sprachlichen Gepflogenheiten im Marketing. Schmitt kommt, wenn ich mich nicht irre, beruflich aus dem Marketing, vielleicht empfindet er diesen Sprachton deshalb als normal. Ich empfinde ihn eher als aufdringlich und unangenehm.
Um mal bei dem konkreten Beispiel zu bleiben, das am Anfang dieser Diskussion die Kritik ausgelöst hat: Als Organisator der Chess Classics hat Schmitt ein reales Problem (das ich, in kleinerem Maßstab, aus eigener Erfahrung kenne). Die Sponsoren sind weniger zahlreich und weniger freigebig, er muss das Programm deshalb reduzieren. Für den Organisator ist es eigentlich eine Niederlage, aber er muss trotzdem vermitteln, dass es eine gute und für die Teilnehmer interessante Veranstaltung wird. Ein wenig Schönfärberei ist da natürlich, vielleicht notwendig. Allerdings schießt Schmitt übers Ziel hinaus, wenn er sagt, dass die reduzierten Chess Classics nicht nur eine gute Veranstaltung werden, sondern eine bessere. Mit solchen Übertreibungen macht er sich selbst unglaubwürdig.
(Nebenbei, der hier zitierte Till Schelz-Brandenburg hat sprachlich in einer ganz anderen Richtung übertrieben, und seine Art, plakativ auf die Pauke zu hauen, ging mir auch oftmals auf die Nerven.)
2. Die Vorrangstellung der Vermarktung. Manchmal müsste man geradezu schreiben "Ver-Markt-ung", wenn Schmitt das Schachgeschehen in marktwirtschaftliche Kategorien zu fassen versucht und alles andere ausblendet.
Eine Kostprobe, aus dem Interview, auf das Till Schelz-Brandenburg in dem verlinkten Artikel reagierte (es geht um die Ausrichtung von Mannschaftskämpfen in der Schach-Bundesliga): "Ich muss den im Schach bestehenden Anbietermarkt – die Großmeister bieten hier etwas an – in einen Käufermarkt umwandeln. Der Käufermarkt sind die Zuschauer. Wenn ich einen Kunden habe und weiß, was der will und ihn als Konsument ernst nehme, dann muss ich ihm auch das anbieten, was er will." Käufer? Konsument? Kaufe ich etwas von einem GM, wenn ich ihm beim Spielen zuschaue? Und wenn ich nicht einem GM in der Bundesliga, sondern einem Vereinskameraden in der Bezirksklasse zuschaue, kaufe ich dann etwas von meinem Vereinskameraden? Ich glaube nicht, dass man dies so einfach in Begriffe von Ware und Verkauf zwängen kann.
Oder ein anderes Beispiel aus demselben Interview: "Der Kernprozess im Bundesligaschach ist die Bezahlung der Spieler, aber ganz offensichtlich ist es kein Kernprozess, die Veranstaltung dem Zuschauer anständig zu präsentieren. Obwohl man in letzter Konsequenz damit rechnen müsste, dass die Zuschauer über den Eintritt entsprechend mitfinanzieren." Da sind die Prioritäten völlig auf den Kopf gestellt. Der "Kernprozess", wenn man bei diesem Wort bleiben will, der Schachbundesliga ist, dass Schach gespielt wird, mit einer gewissen Regelmäßigkeit, und auf einem hohen Leistungsniveau.
Dass für den Spielbetrieb der Schachbundesliga oder für ein großes Turnier Geld benötigt wird, steht außer Frage, und dass Marketing eine Methode sein kann, um Geld für diesen Zweck aufzubringen, ist klar. Und Schmitt tut in dieser Richtung erfreulich viel. Aber dennoch sollte man nicht so tun, als sei das Geld die Hauptsache.
(Übrigens gibt es in der Schachbundesliga meines Wissens immer noch Spieler, die höchstens die Reisespesen von ihrem Verein bezahlt bekommen. In der Frauen-Bundesliga zahlen die Spielerinnen z.T. auch die Reisekosten selbst; und in den unteren Klassen, wo geschätzte 99 Prozent der Schachspieler spielen, ist es sowieso normal, dass man alle Kosten selbst trägt, alle Arbeit ehrenamtlich geleistet wird, und das einzige, was bezahlt wird, sind die Vereinsbeiträge.)
3. Der missionarische Eifer. Schmitt begnügt sich nicht damit, die Chess Classics und die Chess Tigers zu organisieren; er geht immer wieder an die Öffentlichkeit und gibt Ratschläge, was andere tun sollten. Dass andere nicht unbedingt dem Vorbild HWS folgen wollen, dass sie z.T. unter ganz anderen Voraussetzungen arbeiten, andere Ziele haben, vielleicht andere Leute erreichen wollen (die Chess Tigers bedienen ja bevorzugt das hochpreisige Segment), scheint nicht in sein Weltbild zu passen.
