Schachliteratur - etwas anders

Die ganze Welt der Schachbücher.

Schachliteratur - etwas anders

Beitragvon stoppelhoppler » Fr 16. Jan 2009, 00:19

Die normale Schachliteratur ist uns ja als "Fachliteratur" zumeist recht geläufig.
Wie sieht es aber mit Hintergrundberichten oder Biographien aus? Bücher, in denen die gespielten Partien etwas in den Hintergrund rücken und Umstände wie Alltag und Lebensabläufe in den Vordergrund rücken! Bücher, die man tatsächlich lesen kann und nicht studieren muß.

Mir fallen da folgende Werke ein:

Milan Vidmar "Goldene Schachzeiten"
Alexander Koblenz "Schach lebenslänglich"
Botwinnik "Schacherinnerungen"
Kotschnoi "Ein Leben für das Schach"
Garri Kasparow "Politische Partie"
Edmonds/Eidinow "Wie Bobby Fischer den Kalten Krieg gewann"


Auch in kleineren Büchern wie Botwinnik "15 Schachpartien und ihre Geschichte" oder Rosal "Schach mit Karpov" erfahren wir mehr als die algebraische Notation.

Ich habe diese Bücher schon länger nicht mehr gelesen und lediglich neulich mal im "Kortschnoi" geblättert.
Dabei fiel mir anhand weniger Auszüge auf: Der "Schreckliche" ist eine authentische und ehrliche Haut - und natürlich schachbesessen.
Wie komme ich zu der ersten Aussage? Ein auf das Image achtender Mensch hätte einige Aussagen im Kortschnoi-Buch anders getroffen oder weggelassen. Nicht so Kortschnoi!
Obwohl er sicher erkannt hat, daß einige Statements auch negativ wirken, hat er sich niedergeschrieben - und sich damit authentisch verhalten.

Einige Beispiele:

"Schachspieler sind charakterlich verschieden. Einige benötigen zum optimalen Erfolg ein freundschaftliches Verhältnis zu ihrem Gegner, andere müssen unbedingt ein Feindbild entwickeln...Ich muß gestehen, daß die letzteren weitaus in der Mehrzahl sind, und auch der Verfasser gehört in diese Gruppe."

Zum Kandidatenwettkampf mit Tal (1968 - Tal hatte einen Leibarzt mitgebracht):

"Ohne meine Überlegungen auszusprechen
(Kortschnoi nahm an, daß Tal Drogen nahm und der visuelle Einfluß des Arztes seine geminderte Willenskraft wieder erhöhen sollte..!) schrieb ich einen Brief an das Schiedsrichtergremium, mit der Bitte, den Doktor ... in die hinterste Reihe zu setzen."
Dem Gesuch wurde stattgegeben, was Tal nicht sehr erfreute. 10 Jahre später wurde dann Dr. Suchar wieder auf die Achillesferse von Kortschnoi angesetzt.
Aus meiner Sicht war es nicht besonders sportlich von Kortschnoi gegenüber dem bekanntermaßen gesundheitlich instabilen Tal so zu verfahren. Aber er stand und steht dazu - ohne Ausrede und falsche Erklärungen.

Kortschnoi und Karpov bei einem Turnier 1971/72 in Hastings - letzte Runde:

"Als Karpov in seinem Zimmer über der Analyse seiner Abbruchpartie saß, drehte ich absichtlich ... das Radio auf volle Lautstärke, um ihn fühlen zu lassen, daß mich nun nichts anderes als die Musik interssierte. Karpov gewann die Partie und wir teilten den ersten Platz."

Bei anderen Schachspielern ist dies zu überprüfen. Ich habe gehört, daß man insbesondere bei Botwinnik vorsichtig kritisch an die Sache herangehen sollte.

Abschlußbemerkung:
Wer kennt andere Werke und möchte aus Ihnen etwas zitieren?
Die Signatur, die Signatur hat nicht immer Recht.
stoppelhoppler
Schachexperte
 
Beiträge: 494
Registriert: Do 25. Dez 2008, 23:04
Wohnort: Berlin
Wertungszahl: Tendenz fallend...

Re: Schachliteratur - etwas anders

Beitragvon Stratege » Sa 17. Jan 2009, 21:53

"Goldene Schachzeiten" konnte ich, bis ich es durch hatte, kaum zur Seite legen.

Gut in diese Kategorie passt noch "Was Sie schon immer über Schachweltmeister wissen wollten ... aber nie zu fragen wagten" von Frank Stiefel. Wobei mir da auch kein Zitat einfällt, eine Karikatur daraus einscannen und posten geht auch nicht.
"A Programmer is a device to convert coffee to software "
Stratege
Administrator
 
Beiträge: 793
Registriert: Do 18. Dez 2008, 03:02
Wohnort: Münsterland
Wertungszahl: > 1600 DWZ

Re: Schachliteratur - etwas anders

Beitragvon Hotzenwälder » So 18. Jan 2009, 01:15

Vidmars "Goldene Schachzeiten"... regelrecht verschlungen hab ich das Buch.
Auch sehr interessant fand ich die Biographien von Hannak über Lasker und von Müller/Pawelczak über Aljechin.
Um aber fehlerfrei daraus zitieren zu können müßte ich wohl nochmal nachschlagen..zu lange ist´s schon her.

..nachgeschlagen zu Aljechins Tod:

"Die Götter liebten ihn bis zum Tode, sie haben ihn im rechten Augenblick zu sich genommen.
Bei ihm wäre es aber auch nicht zu tadeln, wenn er freiwillig die Tür geöffnet haben sollte, die
zwischen dem Leben und dem Unerfahrenen liegt."
Benutzeravatar
Hotzenwälder
Schachenthusiast
 
Beiträge: 170
Registriert: So 21. Dez 2008, 19:31
Wohnort: Murg-Oberhof
Wertungszahl: Hobbyspieler

Re: Schachliteratur - etwas anders

Beitragvon klötzchenschieber » So 25. Jan 2009, 19:57

Absolut zu empfehlen:

Life and Games of Mikhail Tal

@stoppelhoppler:

Tal geht auf die Geschichte mit Kortchnoi überhaupt nicht ein. Er erwähnt lediglich, dass sich Kortchnoi in einem Interview nach dem Kampf despektierlich über ihn geäußert hätte - das wäre aber nicht schlimm, da er öfter etwas sagen würde, was er nicht so meinte.

Die Wirkung wäre aber gewesen, dass Kortchnoi auf eine Retourkutsche gewartet hätte. Als Tal dann als Reporter für "64" (russische Schachzeitschrift) beim Kandidatenfinale gegen Spasski auftauchte, dachte Kortchnoi, er wäre gekommen, um Spasski zu helfen (und hat sich wohl auch diesbezüglich geäußert).

Zitat:

It was then that our little incident took place on the pages of the press. When Korchnoy in is interview declared me to be a "highly routine player". On the pages of the weekly "64" the editor, Petrosian, spoke up for me, and thus I became the object of a creative discussion.

Journalist: But how did you yourself react to Kortchnoy´s declaration?

I didn´t. I knew Victor, and I knew that he was capable of saying what he did not mean. But I found it amusing how he expressed his dissatisfaction, when a couple of months later I turned up as correspondent for "64" at his Final Candidates Match with Spassky. Evidently he assumed that, exploiting my "official position", I would try to get even with him.

PS: Das Buch ist als fiktives Interview eines Journalisten mit einem Schachspieler (Tal) geschrieben.

PPS: Besorgt Euch eine Ausgabe mit algebraischer Notation. Ich habe eine mit englischer, deskriptiver Notation (also N-QB3 = Knight to Queen´s bishop 3 = Sc3, Schlagfälle oft nur als NxP = SxB). Es dauert, bis man sich damit eingelesen hat....
klötzchenschieber
Schachenthusiast
 
Beiträge: 138
Registriert: Mo 29. Dez 2008, 00:33

Re: Schachliteratur - etwas anders

Beitragvon klötzchenschieber » So 25. Jan 2009, 20:02

.... und dann natürlich noch:

William Hartston: How to cheat at chess (Wie man beim Schach bescheißt)

und der Nachfolger: Soft Pawn ( Schach & Sex & Rock´n´Roll)

Außerdem sehr zu empfehlen: Die Rubriken von Miles (Archiv auf Chesscafe.com), Hans Ree (z.B. New in Chess, Chesscafe.com) und früher Nigel Short (Telegraph, leider eingestellt, oder schreibt Nigel jetzt woanders?).
klötzchenschieber
Schachenthusiast
 
Beiträge: 138
Registriert: Mo 29. Dez 2008, 00:33

Re: Schachliteratur - etwas anders

Beitragvon project_chaos » So 25. Jan 2009, 20:43

Pflegers Brett vorm Kopf

einfach göttlich :)
Benutzeravatar
project_chaos
Schachexperte
 
Beiträge: 348
Registriert: Fr 19. Dez 2008, 11:06


Zurück zu Schachbücher

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast