Wie groß ist der Lerneffekt bei autodidaktischem Training mit Schachbüchern wirklich?
Die meisten Schachspieler, die sich in ihrem Spiel noch verbessern möchten, haben nicht die Möglichkeit, einen professionellen Schachtrainer zu Hilfe zu nehmen. Also bleibt in der Regel nur der Versuch, sich einige (möglichst gute) Schachbücher zuzulegen und diese dann selbstständig durchzuarbeiten.
Dabei habe ich nun aber die Erfahrung gemacht, daß dieses autodidaktische Lernen häufig an Grenzen stößt. Und zwar nicht nur bei mir selber, sondern auch bei anderen Leuten, mit denen ich schonmal über dieses Thema gesprochen habe. In der Regel bekomme ich dann in etwa zu hören: "Das Buch XYZ vom Autor ABC ist ein ganz tolles Lehrbuch. Es gibt viel erklärenden Text, die Beispiele sind verständlich, die Partien aktuell. Ich hatte sehr viel Spaß beim Lesen. Und Layout und Preis stimmen auch.".
Bisher dachte ich in einem solchen Fall: "Toll, das Buch will ich auch sofort haben." Aber seit einiger Zeit habe ich mir angewöhnt, zunächst einmal eine Rückfrage zu stellen, die da lautet: "Und? Um wieviel ist Deine Wertungszahl denn bereits gestiegen?". Allzu häufig schauen meine Gesprächspartner dann ratlos in der Gegend herum und zucken mit den Achseln, weil sie sich eingestehen müssen, dass leider nicht viel vom ach so schönen Lehrbuch bei ihnen hängengeblieben ist. Manchmal bekomme ich dann auch die Antwort: "Sowas braucht Zeit. Ein Lernprozeß ist auf längere Zeit hin angelegt.". Wenn ich mir dann jedoch einige Jahre später die Wertungszahlen anschaue, sehe ich, dass diese immer noch quasi festgenagelt sind - wie eh und je.
Aber mir geht's da selber auch nicht anders. Ich schätze mal, daß ich in meinem (Schach-)Leben bisher einige hundert verschiedene Schachbücher zwischen den Fingern hatte. Einige Dutzend davon hab ich auch gelesen, darunter ein paar wirklich sehr gute wie z.B. von Silman, Dworetzki und Watson. Ich behaupte jetzt mal ganz selbstbewusst, daß ich wohl auf dem Weg zum GM-Titel wäre, wenn, ja wenn ich nur all das Gelesene in die Praxis umsetzen könnte. Aber genau das klappt eben nicht. Und offensichtlich nicht nur bei mir.
Also, woran liegt's?
- Bin ich einfach zu blöd, um etwas aus Büchern zu lernen?
- Ist der menschliche Geist (zumindest der von Normalschächern) nicht in der Lage, die vielen, vielen Aspekte des Schachspiels dauerhaft zu speichern und in der Praxis Nutzen daraus zu ziehen?
- Oder sind die Schachbücher - selbst die guten - didaktisch noch zu schlecht aufgebaut?
- Das wäre durchaus denkbar.
Schon möglich, dass manche Menschen besser "live" von ihresgleichen lernen können als aus "toten" Büchern. Doch ich hab es mit autodidaktischem Bücher-Training immerhin bis knapp über 2000 gebracht. Aber vielleicht geht's ja irgendwann bei jedem Spieler ohne einen Trainer nicht mehr so recht weiter, oder? - Ich bin der Meinung, dass jeder Schächer (fast) jedes Spielkonzept verstehen kann; und sei es auch noch so komplex. Anders sieht es jedoch mit dem Behalten und der praktischen Anwendung des (Kennen-)Gelernten aus. Hier setzt die Natur ihre Grenzen. Und die mir bekannten Schachbücher versuchen obendrein viel zu wenig, diese Grenzen auszuloten.
- Meine Antwort: Ja, gute Schachbücher bieten heutzutage viel für das Verständnis des Spiels. Aber es mangelt ihnen an konkreten Vorschlägen für die Post-Verständnis-Phase. Auf gut deutsch: "Wie festige ich mein neues Wissen ohne einen Trainer?". Der Allgemeinplatz "Üben, üben, üben!" ist da halt eben zu allgemein.
Welches Buch habt ihr gelesen, von dem ihr sagen würdet: "Das hat mir echt was gebracht."? Mit "gebracht" meine ich jetzt aber nicht nur, ob einem ein Buch gefallen und ob man es verstanden hat. Sondern ich meine damit ganz knallhart und sozusagen völlig materialistisch: Um wieviele Punkte ist die Wertungszahl nach dem Lesen des Buches gestiegen?. Und zwar spürbar gestiegen, und dass heißt um mindestens 100 Punkte.
