Der erste Reflex, 20.Lg4, wird sofort widerlegt - 20...Td3
Td7 hatte ich in meinem letzten Variantenposting bereits als Abwartezug angegeben. Die damalige bewertung hab ich jetzt nochmal überdacht, um nicht scheuklappenmäßig meiner einschätzung von vor 2 zügen zu folgen:
19.Dg3 Sd5 (Abwartend De6 stößt auf Lg4, Lb5 auf a4, 19...Td7 20.f4! Da3?! 21.f5! Sd5 22.Lh5 mit dicker Initiative)
Nach einer Weile des in-mich-gehens kommen für mich 3 Kandidatenzüge in Betracht:
A 21.f4
B 21.h4
C 21.e6
Zuerst zu den allgemeinen Vor- und Nachteilen, danach zu etwaigen Varianten.
A) hat den Vorteil, ein geradliniger, der Stellung entsprechender Plan zu sein. Wird Schwarz nicht aktiv, steht der Bauer im nächsten Zug auf f5 und sowohl das e6- als auch das f6-motiv (oder kombinationen daraus) sind vielversprechend. Dadurch dass die Dame auf e7 steht, ist auch keine Pufferung mehr mit Df5 möglich und De6? läuft in Lg4. Die geradlinigkeit stellt auch den Nachteil dar - Weiß schwächt seinen Königsflügel und Schwarz bekommt konkrete Gegenspielmanöver mit Dc5+
B) h4 macht genau das, was f4 nicht kann - es erschließt Raum am Königsflügel, ohne sich ernsthaften Schwächungen hinzugeben. Wartet Schwarz ab, ist der etwas langatmige Plan mit h4 kein Zeitverlust, unternimmt Schwarz hingegen etwas, hat sich Weiß nicht geschwächt und kann entsprechend reagieren.
(eine kleine Beispielvariante: Nach 21.h4 Da3?! 22.e6! fxe6 23.Lh5! kommt Schwarz in Bedrängnis. Dies ist nach 22.f4 Da3!? nicht möglich, 23.e6 fxe6 24.Lh5?? Dc5+)
Der Nachteil von h4 ist, dass der Einschub von h4-h5 und schwarzem h6 evtl. nicht so viel verheißt wie man es gerne hätte. h6 würde schwarz evtl. ohnehin spielen (ohne den schwarzfeldrigen Läufer stellt man seine Bauern so auf, die gegenformation mit f7-g6-h7 wäre ja selbstmord), der weiße bauer auf h5 behindert die weiße figurenaktivität (kein Lh5) evtl. aber mehr als die schwarze!
C) e6 ist der Zug, den man in solchen stellungen immer prüfen muss. Seine Bewertung ergibt sich aus konkreten Varianten.
bei den varianten fange ich unkonkret mit B) an: Nach 20.h4 c5!? (so kann man evtl. mal nen Lb7-schwenk, notfalls auch unter bauernopfer anbieten) 21.h5 h6 ist mir garnicht klar, was Weiß überhaupt gewonnen hat. Womöglich muss man wieder zu einem der anderen Pläne umsatteln, mit einem Läufer auf der langen Diagonale (und nicht auf c1-h6) scheint das h4 manöver zumindest nicht so effektiv zu sein.
Bei A) hatte ich 20...Da3!? 21.f5(!) Sd5 22.Lh5! untersucht. Es droht e6 und meine erstmaligen IDeen gingen in die Richtung von
22...Sxc3
23.Txc3 Te-d8
(23...g6? 24.fxg6 fxg6 25.Lxg6 Tg7 26.Lxh7+ Kxh7 27.Dh4+ nebst Th3 +-)
24.f6 und jetzt entweder die Totaleinbunkerung Df8!?, wonach Weiß aber mit bxc4 MAterialausgleich und die Kontrolle über das SPielfeld erhält, oder aber das kämpferische 24...g6 25.e6 Dc5+! (Td6? exf7+ nebst De5) 26.Kh1 Td6 und jetzt sieht der Pfahl 27.e7?? verlockend aus, schwarz konsolidiert sich nach Te8 aber vollkommen. Viel besser ist
27.exf7! Kxf7
28.Lg4! mit der Drohung Df4(nicht Dh4-h5!) -Dh6-Dg7. Die einzige möglichkeit für schwarz, das zu verhindern, besteht in der h8-hilfsmattkonfiguration 28...Kg8 29.Le6+ Kh8, wonach ich am liebsten mit Dxg6 hxg6 Th3 matt setzen würde, wenn nicht Dh5 ginge.
Hier kann man sich dann entscheiden, ob man auf den freibauern (30.f7 mit dickem plus) oder auf mattangriff (z.B. mit 30.b4!?!? Dxb4?? Dxg6! hxg6 Th3#) setzen will.
Das ist aber natürlich alles nicht forciert. Schwarz kann auch 20...Dc5+ 21.Kh1 Sd5 versuchen, wonach der läufer ausnahmsweise nach d2 zurückmuss. Die schwarze Dame steht dann aber angreifbar auf c5 und der Sb6 hat seine Deckungsposition verlassen, so dass im nächsten Zug Lxc4 ganz gut brummt. Trotzdem haben die schwarzen Figuren momentan aktive Posten bezogen. Kann das mal wer analysieren ? Nach 22.Ld2 Dd4!? 23.Te-d1 muss sich die schwarze Dame zumindest erneut vom Kampfplatz entfernen (Db2 o.ä.) und weiß sollte mit vorteil davonkommen.
Die Alternative: Sofort draufhauen.
Nach dem von elvis in den raum geworfenen 20.e6 fxe6 (das kommt einem wirklich als erstes in den sinn) 21.Lg4?! Dd6! überdeckt der Te8 noch sicher den punkt e6, also wird er zuerst verscheucht:
21.Lh5!
und jetzt
1) 21.g6 Lxg6 +-
2) 21..cxb3 (schwarz sammelt Bauern für die Qualität) Lxe8 Dxe8 axb3, in meinen Augen mit klarem Vorteil für Weiß (unkoordinierte schwarze Figuren, lauter schwarze Schwächen).
3a) 21..Tf8 22.Lg4 Te8 23.Txe6 Dxe6 24.Lxe6 Txe6 mit klarem weißen Vorteil nach z.B. 25.f4
3b) 21..Tf8 22.Lg4 Td3 23.Lxe6+ Kh8 24.f3 (24.De5!?; 24.Lxc4!?) mit dickem Läuferpaarplus (+/-)
4) 21...Td3 (!) 22.Dxg7 ! Dxg7 23.Lxg7 Te-d8 24.Le5 cxb3 25.axb3 Txb3
Zuerst dachte ich hier, Weiß erhält guten Vorteil durch 26.Txc6, bin mir da aber nicht mehr so sicher. Stattdessen sieht 26.Lxc7!? Td5! 27.Lf3 Tg5!? 28.Lxc6 gut aus. Weiß hat das Material zurück, eine kompakte Bauernstruktur und immernoch das Läuferpaar. Symptomatisch sind die immernoch passiv stehenden La6 und Sb6, die erstmal aktiviert werden müssen. Weiß steht klar besser.
Konkret habe ich das Gefühl, dass e6 einfacher zu analysieren ist, da die sich ergebenden Stellungen relativ sauber abgeschätzt werden können.
Just my 2 cents. Ich bin mir nicht sicher, für welchen Zug ich bin. Da mir bestimmt schwarze Alternativen bei f4 entgangen sind, wäre es ja ein Grund für das weißvorteilbringende e6. Andererseits sind die Optionen, die sich durch f4 ergeben, auch sehr verheißungsvoll, da sie direkten Angriff im Mittelspiel versprechen.
Ich halt mich erstmal raus. MIt beiden Zügen bin ich einverstanden.
She gets upset and lashes out at him for letting himself be crushed by the weight of the world and wasting away his own life worrying about things beyond his control.
However, this is what chess should be like: rich and difficult.
- Tiger H. Persson