Ich möchte diesem Thema gleich den Untertitel "Die Kunst der richtigen Abtauschs" anheften.
Der Läufer beherrscht als langschrittige Figur wesentlich mehr Felder, wirkt aus der Ferne und ist auch schnell mal "vor Ort".
Hier zeigt sich aber auch gleich sein großer Nachteil: Er ist vor Ort und machtlos, weil die in der konkreten Situation falsch gepolt ist. Er kennt eben nur Weiß oder Schwarz.
Der Springer dagegen wirkt im Nahkampf. Er kann als einzige Figur Hindernisse in seinem Weg überspringen und sich durch das Gewühl von Bauern und Figuren durcharbeiten. Obwohl er wendig ist, ist er nicht unbedingt ein Sprinter und kommt ausdauernd, aber manchmal zu zeitaufwendig an sein Ziel. Seine Kampfkraft variiert abhängig von der Zentral-, oder Rand- bzw. Eckstellung. Im Gegensatz zum Läufer kommt er aber theoretisch überall hin.
Als Richtschnur für den Anfänger wird ausgegeben, daß Läufer und Springer einander relativ gleichwertig sind. Dieser relative Figurenwert (relativ, weil jede Figur in einer bestimmten Stellung einen tatsächlichen Wert hat, der von ihrem Normalwert in beide Richtungen (weit) entfernt sein kann) ist bei diesem Figurenpaar besonders bedeutsam, weil sich im Laufe einer Schachpartie häufiger die Frage zur Wirksamkeit oder Notwendigkeit des Abtauschs eines Läufers gegen einen Springer und umgekehrt stellt.
Häufiger fragt sich allerdings die Läuferpartei, ob sie einen (gefesselten) Springer abtauschen soll/muß. Einem Läufer fällt es im Normalfall leichter sich gegen eine Abtausch zu verwahren, es sei denn er wird aufgegabelt oder weicht einfach nicht aus.
Die Möglichkeiten von Läufer und Springer bestimmen sie aber nicht allein, sondern die Schwerfiguren Dame und Türme und insbesondere die "Seele" des Spiels - der gemeine Rand-, Flügel- und Zentralbauer bestimmen mit ihrem reinen Vorhandensein, ihrer Mobilität, ihrer "Verzahnung" und ihren strukturellen Änderungsmöglichkeitern Funktion und Wert von Läufer und Springer.
Die Frage "Was ist besser? Läufer oder Springer?" muß aus meiner Sicht immer unbeantwortet bleiben. Auch bei einer konkreten Stellung bleibt die Frage strenggenommen häufig ungeklärt und Analysen und Partieverlauf geben uns gewisse Hinweise.
Unbestritten ist aber, daß viele Meisterspieler eine offen geäußerte oder deutlich erkennbare Vorliebe für bestimmte Leichtfiguren haben. Man erkennt dies an ihrem Abtauschverhalten und an der Spielführung mit bestimmten Figuren auch über verschiedene Eröffnungsvarianten hinweg.
Bobby Fischer wird zugeschrieben, daß er eine besondere Vorliebe für den weißen Königsläufer hatte. Auch wollte er Nona Gaprindaschwili nur einen Springer und nicht etwa eine Leichtfigur vorgeben.
Einer Vielzahl von Meistern (Mehrzahl?) wird zugeschrieben, daß sie lieber mit dem oder den Läufern spielen und sich bei einem Abtausch ohne konkrete und vorhersehbare Gründe schwertun.
Anderen Spielern wie z. B. Tschigorin, Petrosjan und auch Karpov wird zugeschrieben, daß sie gerne (und eben auch erfolgreich und kreativ) mit den Springern spiele(t)en.
Für mich deutet vieles darauf hin, daß es sich um eine Stilfrage und damit auch um die Auswahl des Eröffnungsrepertoires handelt, welche Leichtfigur zum strahlenden Helden oder tragischen Verlierer wird.
Die wirklich großen Meister sind Experten im Umgang mit allen Figuren und sie wissen, ahnen und spüren, wann welche Figur wohin gehört oder abgetauscht wird. Im Idealfall ganz vorurteilsfrei entsprechend den konkreten Stellungsgegebenheiten.
Weil ein Abtausch von nicht gleichschrittigen Figuren aber auch eine Investition in die Zukunft und deren Gestaltung ist, sind auch Meister von Fehleinschätzungen oder fehlerhafter Folgebehandlung nicht geschützt.
Die übermittelte launige Bemerkung eines deutschen Meisterspielers, er bevorzuge den schlechtesten Läufer gegenüber einem x-beliebigen Springer, hat mich aber doch in Erstaunen und ein leichtes Entsetzen versetzt. Sollte ich aber auch tausende von anderen Schachspielern bisher dramatischen Fehleinschätzungen gefolgt sein? Hat die "Springergemeinde" hier vieles übersehen und schöngefärbt? Stimmen Stellungseinschätzungen und Partiefolgen doch nicht?
Hier möchte ich doch beruhigen. Man sollte die Äußerung als Geschmacksmuster und nicht als Rezept und vielleicht ist sie auch aus einem bestimmten mir unbekannten "Stellungskontext" gerissen.
Um das Thema gleich bei den Hörnern zu packen, werde ich demnächst hier einige Beispiele mit dominanten Springern als besserer Leichtfigur einstellen.
Keine Sorge einige "gute" und einige "gute und erfolgreiche" Läufer werden schon beigemischt werden!
Literaturhinweise:
Steve Mayer "Bishop vs. Knight: The Verdict" (Batsford 1997)
Uhlmann/Vogt "Gute Läufer, schlechte Läufer" (Sportverlag 1988)
