Denkt man über die Grundidee nach, so könnte sich leicht Euphorie zeigen. Weiß umgeht im Gegensatz zur normalen Vorstoßvariante das nervige Gegenspiel gegen d4 und baut erst seine Verteidigung dieses Punktes (Sa3-c2) auf, bevor er dann doch d4 zieht. Stützt sich Schwarz zu sehr auf den Punkt (Sc6,Db6,Se7-f5), ziehen wir eventuell garnicht d4 sondern nur d3. Alternativ bietet sich auch Ld3 (mit dem bauern noch auf d2) an, um auf f5 zu tauschen. Darüberhinaus können wir, nachdem unser Raumvorteil sorgsam aufgebaut ist, mit f5 expandieren. Klingt doch wie das Paradies?
Aus einer Zusammenstellung dieser Gründe habe ich 2.f4 das Jahr 2005 über in meinem Repertoire gehabt und in einer Vielzahl von Blitz- und Schnellschachpartien erprobt. Damals hatte ich allerdings auch noch nicht viel Ahnung davon, wie Schach funktioniert.
In Turnierpartien konnte ich es nur 2x anbringen, allerdings wich ich im 5.ten bzw. 4.ten Zug jeweils ab, denn nach
1.e4 e6 2.f4 d5 3.e5 c5 4.Sf3 Se7
kam mir die recht interessante Idee 5.b4!?, die mit einem Sieg belohnt wurde.
Dies wurde dann noch etwas radikalisiert in meiner zweiten partie mit 2.f4, in der ich gegen einen 2300er bereits 4.b4 spielte, um eine Art Überraschungseffekt zu erzielen. Die Rechnung ging auf, aber das ist eine andere Geschichte.
Versuchen wir, die Nachteile von 2.f4 aufzuzählen.
1) Gegen einen eventuell nicht ausreichend vorbereiteten Gegner ist die Idee eines frühen f6 empfehlenswert, denn die deckung durch f4 ermöglicht das schwarze Manöver ...fxe5 fxe5 Sxe5!? Sxe5 Dh4+ g3 De4+ nebst Dxh1. Timing ist hier essentiell (wenn der wS auf a3 steht, kann er danach mit Sb5 stänkern - mit dem "Mehr"zug Sc2 geht das nicht!), aber wenn richtig angesetzt, muss weiß hier seine Kompensation zeigen.
2) Zentrum: Dadurch, dass Weiß d4 unterlässt, kann Schwarz zwar nicht den Bauern unter Druck setzen, wohl aber den
Punkt d4. Der weiße Raum wird zwar zusätzlich durch f4 gestützt, bildet allerdings kein "geschlossenes" Bauerndreieck. Wenn Weiß den d4 gegen den c5 tauscht, erhält er zumindest das Figurenfeld d4, was hier nicht möglich ist (Bauer auf c5 hält es unter Kontrolle, Bauer auf d2 verhindert eigenen Zugriff durch Lc1,Dd1).
3) Kommen wir zum Königsflügel: Im Vergleich zu den Sd2/Sc3 Varianten, in denen man mit f4 stützt, steht der schwarze Springer hier überdies nicht auf d7 sondern auf e7 oder h6! Von dort aus verhindert er den Vorstoß f5 sehr effektiv, desweiteren kommt Weiß irgendwie nicht an den Sh6 ran (der eigene Bauer f4 blockt dem Lc1 die Sicht!). Darüberhinaus schwächt f4 natürlich die eigenen Felder am KF.
Es gibt noch mehr Punkte, die man hier diskutieren kann. Ich schließe damit, dass im Franzosen nie sicher ist, wie nützlich der Zug f4 eigentlich sein wird. Konkret sind mehrere punkte nicht klar: Obwohl f4 natürlich als "ideal" gegen den schwarzen Anknabberungsversuch f6 gedacht ist (wir behalten unseren einschnürenden Bauern), eröffnet es die oben angeführten taktischen Möglichkeiten, basierend auf Dh4+. Zweitens muss sich Weiß nach dem "natürlichen" c5-Sc6-Db6-Sh6 (mit oder ohne Sf5, eventuell verzögern wir es solange, bis sich der Lf1 entschieden hat) entscheiden, ob er das sehr verpflichtende, mit risiken behaftete d4 spielen will - oder halt nicht. Wenn nicht, kann er sich mit d3 natürlich elastisch cool halten - aber ist dann die prinzipielle Idee der Variante nicht gescheitert?
Zu guter letzt sind auch die schwarzen Ideen mit d5-d4 (direct disrupting

) nicht klar (ist ja auch eine bekannte Idee gegen das Flügelgambit - immer schön Weiß dafür bestrafen, d4 unterlassen zu haben). Ich würde das mit Schwarz nicht spielen, aber Wege zu weißem Vorteil sind mir auch nicht so bekannt.
Geck0tierchen
She gets upset and lashes out at him for letting himself be crushed by the weight of the world and wasting away his own life worrying about things beyond his control.
However, this is what chess should be like: rich and difficult.
- Tiger H. Persson