Bücher über Schacheröffnungnen zu bewerten ist grundsätzlich eine schwierige Angelegenheit. Selbst das beste Eröffnungsbuch kann, salopp formuliert, überflüssig werden, wenn die darin enthaltenen Varianten keiner mehr spielt. Ok, ich kenne diese beiden Bücher nicht, aber erlaube mir trotzdem ein paar Anmerkungen:
JerryCotton hat geschrieben:OK, eventuell doch. denn viele überschätzen sich halt, bzw. sind der Ansicht, dass sie gerade durch den versuch Lesestoff nachzuvollziehen, der eigentlich viel zu hoch für sie ist besonders gut lernen.
Für diese mag der Titel "Großmeister-Repertoire 1 1.d4" verlockend sein.
Selbstverständlich ist das ein Marketingtrick! Niemand von uns glaubt doch ernsthaft, dass die Bezeichnung
"Großmeister-Repertoire" in seinem innersten Sinn stimmt.
"Großmeisterrepertoire" kann höchstens schwach ausgelegt, Repertoire zusammengestellt von einem Großmeister bedeuten. Es wird aber einige nicht davon abhalten, zu glauben, sie spielten Varianten, die auch Großmeister so spielen würden (womit ein Teil der Marketingmasche schon mal aufgeht). Daran sollten wir die Bücher auch nicht messen. Grundsätzlich würde ich die also die Bücher aus der "Grandmaster Repertoire"-Serie nicht aufgrund dieses Labels verdammen. Ich habe das Buch von Marin und bin damit zufrieden.
Andererseits: Ich sehe gerade an Marins 1. c4 Repertoire, wie schwer es ist, ein komplettes Repertoire verständlich vorzustellen und wundere mich wie Avrukh mit 2 lächerlichen Bänden auskommt, während sich Marin bereits mit 3 Bänden ein Bein ausreißt. Und ich glaube zu 1. d4 gibt es noch mehr zu sagen als zu 1. c4; auf alle Fälle nicht weniger.
Aber warum finde ich Marins Buch gut: Er versucht, den Leser in die Lage zu versetzen eigenständig, auch in unbekannter Lage die richtige Entscheidung zu treffen. Ich halte also fest, ein gutes Eröffnungsbuch muss für mich mehr bieten als ein Varianten-Portfolio, sondern ich erwarte auch Wissen, welches über konkrete Varianten hinausgeht.
Womit ich bei bei Cress bin:
Cresspahl hat geschrieben:Am Ende der Variante sagt Avrukh ""+=" und man weiß nicht einmal, wie Weiß da nun weiterspielen soll.
Ich dachte, diese Zeiten sind vorbei und das wäre in der Tat ein Grund, die Bücher schlechter zu bewerten. Das erinnert mich an die alten Sportverlag-Eröffnungsbücher, die nur selten in der Lage waren, Wissen über die Eröffnungen zu vermitteln. Sehr oft habe ich mich bei denen gefragt (und frage mich zum Teil jetzt immer noch) "Und jetzt?".
lovo hat geschrieben:Ich habe schon früher nur ungern die Klamotten meines älteren Bruders aufgetragen. Irgendwie passten die nie so recht. Warum sollte es beim Eröffnungsrepertoire eines fremden Schachspielers anders sein? Natürlich, man kann nicht nur eigene Ideen spielen. Aber gleich ein komplettes Repertoire abkupfern?
Ich bin auch kein Freund von Repertoirebücher, aber als Einstieg in eine neue Eröffnung können sie ganz hilfreich sein. Aber irgendwann muss man seinen eigenen Weg gehen.
Auch das von mir gelobte Buch von Marin kann die Mängel, die Repertoire-Bücher haben, nicht verleugnen. Wie auch, diese sind Repertoire-Bücher inherent.
lovo hat geschrieben:Mir erscheint es interessanter, etwas über das Mittelspiel zu lernen und an seinem eigenen Spielstil zu arbeiten. Die dazu passenden Eröffnungen ergeben sich dann automatisch.
Und das ist eins der Hauptprobleme, die der Schachbuchmarkt noch nicht gelöst hat, vielleicht auch nicht lösen will. Bleiben wir mal bei Katalanisch, gilt aber auch für andere Eröffnungen: Wenn ich mir die aktuelle Großmeisterpraxis so anschaue, dann würde ich schon allein mit Katalanisch scheitern, weil ich nicht weiß, wie die verschiedenen Mittelspieltypen zu behandeln sind. D.h. ein "Großmeister-
Repertoire" nützt einem gar nichts, wenn man mit dem was nach der Eröffnung rauskommt, nichts anzufangen weiß. Und das bedeutet: ein Repertoirebuch, was Katalanisch vorsieht, hat eigentlich auch die Aufgabe über die typischen katalansichen Stellungstypen zu erzählen. ... und wir verstehen langsam, dass das vielleicht nicht unbedingt in ein Buch reinpasst, möglicherweise auch nicht in zwei. Und dann verstehen wir auch Cress Problem.