Frohen Mutes ging ich also in den Spielsaal, stellte meinen Kaffee ab, setzte mich ans Brett und einen entschlossenen Blick aufs Gesicht. Nach einem freundlichen Händedruck zog ich mit üblicher Routine 1.e4, nahm einen wohltuenden Schluck Kaffee... und hielt inne. Caro-Kann?!?? Perplex schaute ich auf meinen kühn wie immer dreinschauenden e-Bauern. Wie konnte ich mich nur so verraten! Mein kaffeholendes Ich starrte mich jetzt sicherlich wutentbrannt aus dem Limbus der Vergangenheit an. Vergebens die so vor Kreativität strotzende Vorbereitung einer ganzen Minute meines Lebens! Nach kurzem skeptischen Blick und einem Seufzer, der sämtliches gegen Caro-Kann erfahrene Leid ausdrücken sollte, entsann ich mich schlussendlich Shorts 2.Se2!? d5 3.e5 und gewann später eine wunderschöne Partie:
(Stellung nach 24.Dg4-e2!)
Nachdem sich der Rauch einiger Komplikationen hier bereits verzogen hat, findet sich Schwarz mit dem Rücken zur Wand wieder. Aufgrund des Entwicklungsrückstandes muss er hier eigentlich mittels 24...Ld7 (24...Tf6 25.Ta-e1 erhöht die schwarzen Sorgen) einen Bauern nach 25.De4+ nebst Lxe6 und Dxe4 spucken. Als klar stärkerer Spieler auf seine Verteidigungsqualitäten pochend zog er stattdessen
24...Dd7?, was nach
25.De4+ Kh8
(Stellung nach 25...Kh8)
auf das enorm kräftige 26.Lxh6!! traf. Der Tiefsinn der Variante erstreckt sich in 26..Txf1 27.Txf1 gxh6 28.Lxe6 Dxe6 29.Tf8+! Kg7 30.Dxe6, wonach nach 30...Lxe6 der Turm auf a8 hängt.
Der weitere Verlauf des Turniers soll uns hier nicht interessieren (ich verrate ihn dennoch, haha: Ich wurde hinter meinem ansonsten unbesiegten Freund und zwei IMs vierter). Wir springen hingegen zwei Wochen weiter in die Zukunft zu einem anderen Turnier, dass uns auch nicht interessieren soll:
Im Mai fanden die Blitzmeisterschaften des Bezirks Hannover statt. Bereits für die Landesmeisterschaft vorqualifiziert, aber für ein Blitzturnier immer zu haben, fuhr ich also an einem schönen Sonntag mit Straßen- und S-Bahn nach Lehrte, um ein wenig in den gegnerischen Stellungen zu wüten. Auf der 15minütigen Bahnfahrt nach Lehrte dachte ich an mein letztes schachliches Auftreten, eben jenes eingangs erwähnte Schnellschachturnier. Meine Gedanken wanderten erneut zurück zum 1.b3 - Vorbereitungsfauxpas. Ich dachte an mein vergangenes, Prä-Partie Ich, dessen grummelige Miene sich ob meines kurzfristigen Vergessens der 'vorbereitung' gebildet und durch das konstante "Haha, 2.Se2, In your face!" meines Aprés-Partie Ichs sicherlich nicht verbessert hatte. Um mich mit meinen eigenen Geistern der Vergangenheit zu versöhnen, ging ich gedanklich zurück zur Kaffeetheke. Vielleicht spiel ich ja heute 1.b3?
Nagut, rekapitulieren wir nochmal.. 1.b3 d5, 2.Lb2 Lg4! - Hmm, ganz schön subtil für ne Blitzpartie. Kommt das heute überhaupt? Andererseits stellt es ja sofort Probleme. Ok, also 3.f3!? Lh5:
(Stellung nach 3.f3!? Lh5)
OK, und nun? 4.Kf2 ist logisch, scheint aber nicht ganz mit b3+Lb2 zu harmonieren. Zwei Wochen zuvor hatte ich v.a. an e4!? dxe4 De2!, aber auch an Sh3 nebst Sf4 und dem typischen Abgreifen des Läufers überlegt. Während die Niedersächsische Kulisse an meinem Fenster vorbeizog, aus dem ich wie bei jeder Bahnfahrt verträumt-verzückt blickte, streifte ein Zug meine Denkmuster: Wie wärs mit 4.g4!?
Nach den h3-g4 Geschichten ist f4 ja meistens verfehlt, denn zum einen kann Schwarz dann erst zwischenmatt mit e7-e5 drohen, was den f4 verliert, zum anderen schafft es dem Läufer das Figurenfeld e4. Jagt man den Läufer "verkehrtherum", sind beide Probleme entkräftet. Zunächst hielt ich 4.g4 dennoch für eine Schnapsidee, denn mit 4...e5 (! - straßenbahnnotation) stellt Schwarz ja unter Beachtung sämtlicher strategischen Grundregeln (Zentrum und so) "en passant" eine recht unangenehme Drohung mit Dh4# auf. Will man sich hier nicht zum Narren machen, muss man etwas dagegen unternehmen. Doch halt, was ist mit 5.h4! ?
(Stellung nach 5.h4! Vorsicht: sie verlassen hier den positionell abgesicherten Bereich).
Das matt ist "mechanisch" verhindert, der Lh5 droht, abegriffen zu werden... und der e5 hängt! Bereits hier zuckte ein verhaltenes Schmunzeln über mein Gesicht, da ich die Tragweite dieser Stellung bereits erahnte. Genau die richtige Art von Stellung, die wie perfekt zum blind in der straßenbahn analysieren taugt! Versteckte taktische Wendungen allenthalben, und das natürlich abseits jeglicher positioneller Logik. In den folgenden 15 Minuten entwarf ich ein Variantenkonstrukt, welches meine Laune bedenklich hob und meinem zwei wochen alten Ich sicherlich ein Schulterklopfen entlockt hätte.
Während der Pause meiner Analyse spielte ich meine gedankliche Analyse noch einmal am Brett nach, um die Erinnerung aufzufrischen und offensichtliche Fehler auszumerzen. Zu meiner Freude fand ich keine! Höchstens einen kosmetischen Fehler, der am Ende folgt. Da ich die entstehenden Stellungen auch im nachhinein noch recht amüsant finde und mich vor allem die Deckungsgleichheit meiner mitunter verblüffenden Ideen mit der "objektiven" Realität begeistert, hab ich schon seit geraumer Zeit geplant, sie hier reinzustellen.
