Gegenfeldersysteme im Bauernendspiel

Schulung der Endspieltechnik.

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Gegenfeldersysteme im Bauernendspiel

Beitragvon Bauerndiplom » Mi 9. Sep 2009, 22:53

C.Locock , 1892

Bild

Im Hinblick auf die Drohung e4-e5 ist Kd4 -- Kf6 eine Stellung beiderseitigen Zugzwangs. Eine zweite leitet sich aus dem Kampf um das kritische Feld f4 ab : Ke3 -- Kg5 . Es gibt hier also zwei exakt gleichwertige Felder des vorderen Randes. Sie besitzen ein rückwertiges Verbindungsfeld : d3 bei weiß , g6 bei Schwarz. Die Basisdreiecke d4-e3-d3 und f6-g5-g6 lassen sich beiderseits zu einem Quadrat von 3x3 ergänzen ( mit dem unzugänglichen Feld e4 bei Weiß und f5 bei Schwarz ) .
Es ergibt sich die Schlußfolgerung , daß wir ein Achtfeldersystem vor uns haben.
Die Basisfelder sind durch die Ziffern 1 und 2 gekennzeichnet, das Verbindungsfeld durch die 3. Entlang den Katheten des Basisdreiecks sind fortlaufend die Ziffern 4 bis 8 angeordnet ( wobei die 4 neben der 1 steht ).
Um zu gewinnen , ist erforderlich, mit jedem Zuge ein gleichbeziffertes oder durch den Gegner unbeaufsichtigt gelassenes Feld zu besetzen und sich dabei möglichst den Basisfeldern zu nähern.
Gelingt dies nicht, ist das Manövieren so fortzusetzen, daß sich der König zumindest nicht von den Basisfeldern entfernt .


Die Lösung lautet :
1.Kb1 ! ( besetzt das Feld 3 und nähert sich dem Basisfeld 2 )
1.. Kg7 2.Kc1 ( betritt ebenfalls die 5 und nähert sich weiter der 2 )
2.. Kg6 3.Kd1 ! ( Weiß kann sich den Basisfeldern im Augenblick nicht nähern. Er manövriert deshalb so , daß er sich von diesen zumindest nicht entfernt . Man sollte niemals auf ein FGeld zurückkehren auf dem man bereits stand ! Aus diesem Grund zieht Weiß den König nicht nach b1 , obwohl dieses Feld ebenfalls die Ziffer 3 trägt .
3.. Kg5 4.Kc2 ! ( hier hatte Weiß die Wahl, das Feld 2 zu besetzen (4.Ke1) oder sich auf das Feld 6 zu begeben, das durch den schwarzen König unbeaufsichtigt blieb. Im Fall von 4.Ke1 kommt Weiß den Basisfeldern nicht näher, während er mit 4.Kc2 das Basisfeld 1 ansteuert.
4.. Kh5 5.Kc3 ( Das Feld 8 kann Weiß nicht betreten. Er zieht aber auf das ohne Aufsicht gebliebene Feld 5 und nähert sich damit dem Basisfeld 1 .
5.. Kg5 6.Kc4 ( Eine Annäherung an die Basisfelder ist nicht möglich. Deshalb setzt Weiß das Manövrieren mit dem König fort, ohne sich von ihnen zu entfernen. Dazu zieht er auf das unbeaufsichtigte Feld 4.
6.. Kg6 7.Kd3 ( betritt ebenfalls die 3 und nähert sich der 2 und nun gewinnt Weiß auf ..)
7.. Kg5 durch 8.Ke3 oder 7..Kf6 durch 8.Kd4
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Re: Gegenfeldersysteme im Bauernendspiel

Beitragvon Alois Schachownik » Sa 26. Sep 2009, 23:52

Bauerndiplom hat geschrieben: Es ergibt sich die Schlußfolgerung , daß wir ein Achtfeldersystem vor uns haben.


Aha, ah ja... :lol: Mein Ehrgeiz bei derartigen Schwierigkeitsgraden hält sich in Grenzen, aber was mich nur interessieren würde: Wird erwartet daß ein Vereinsspieler so etwas, und zwar in der normalen (Nahschach-)Partiepraxis mit Zeitdruck und allem, sauber beherrscht? Und wenn ja, ab wieviel Elo?

Ist Kb1 der einzige Gewinnzug?

In Unkenntnis der Analyse würde ich als Patzer in einer Partie sicherlich das natürliche Kb2 gespielt haben. Ich verstehe zwar (gerade noch) die Gegenfelderpaare d4/f6 und e3/g5, aber ich wäre nicht imstande, daraus diese andere Zahlenknobelei abzuleiten. Schon gar nicht in einer laufenden Partie und womöglich noch im Kopf, wenn es um einen etwaigen Übergang in eine solche Stellung geht. Da stoße ich quasi an die Grenzen einer von mir beherrschbaren Komplexität.

Na gut, es soll ja auch Titelträger gegeben haben, die sogar an KLS-K gescheitert sind. Sowas ist dann immer ein gewisser Trost. :mrgreen: Oder als anderes Beispiel, KD-KT. Das ist sowieso sehr schwer, falls sich die Turmseite optimal verteidigt (was vermutlich nur ein Computer kann). Einmal haben sogar Karpov und Kasparov das gemeinsam beratend gegen einen Computer versucht, und nicht gewinnen können.
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Re: Gegenfeldersysteme im Bauernendspiel

Beitragvon Tico » So 27. Sep 2009, 07:12

Das Gemeine daran ist ja auch, dass man, wenn man eine solche Stellung in einer Turnierpartie erreicht, gar nicht weiß, ob es wirklich eine "Lösung" (= Gewinn) gibt.
Wenn man eine Stellung zu Übungszwecken vorgesetzt bekommt, ist es ja meistens klar, dass es eine zwangsläufige Lösung gibt und man behandelt die Stellung automatisch anders, als wenn der Ausgang der Stellung völlig unklar wäre.

Trotzdem finde ich das angegebene Beispiel natürlich sehr instruktiv.
Zuletzt geändert von Tico am So 27. Sep 2009, 18:47, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Gegenfeldersysteme im Bauernendspiel

Beitragvon salto.mattale » So 27. Sep 2009, 18:01

Mit der Theorie der korrespondierenden Felder beschäftige ich mich erst wieder, wenn es während einer Turnierpartie erlaubt ist, die Felder mit numerierten Papierschnipseln zu markieren ;)

Ansonsten ist das alles zu viel für mein kleines Hirn.
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Re: Gegenfeldersysteme im Bauernendspiel

Beitragvon Gast » So 27. Sep 2009, 19:07

Alois Schachownik hat geschrieben: Und wenn ja, ab wieviel Elo?


Karsten Müller sagt dazu glaube ich, dass das Konzept erst ab der Spielstärke ambitionierter Meisteranwärter/Meister zu gebrauchen ist, also ab ca. 2300. (Wobei ich sagen muss dass ich es in einer praktischen Partie keinem mir bekannten Fm zutraue)
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Re: Gegenfeldersysteme im Bauernendspiel

Beitragvon Alois Schachownik » So 27. Sep 2009, 20:24

Gast hat geschrieben:(...) ab ca. 2300.


Danke, ich bin erleichtert. :lol:

Gewisse Profi-Konzepte sind m.E. für Hobbyspieler unbrauchbar, selbst wenn man zuversichtlich ist, sich doch einigermaßen über Kaffeehauspatzerei hinaus aufgeschwungen zu haben. Ich wurde von Nunns "Secrets of Rook Endings" frustriert, nach dessen Lektüre ich wegen der Enttäuschung, praktisch nichts damit anfangen zu können, eine meiner Schachpausen einlegen mußte. Allerdings muß ich zugeben daß ich zuvor schon Cherons Turmendspiel-Band kannte, und davon ebenfalls nicht profitierte. Ich kann mir solche formelartig verschachtelten Mehrfach-Regeln mit "wenn-dann, aber nur falls x und nicht falls y" und derartigem, also an Wahnsinn grenzende Bedingungverkettungen wie etwa "wenn der König in der Zone x und der Turm y, blah blah, aber dann nur auf der kurzen Seite und falls der Bauer noch nicht weiter als z gekommen ist"... nicht merken. Nunn gliedert das Material TB-T systematisch nach der Stellung des Bauern in 24 Teile (a...d und 2...7) aber endet trotzdem in einem mechatronischen Alptraum.

Endspielgrundsätze wie z.B. "Turm hinter Freibauern" oder aktiver König/Königszentralisierung, sowie gute Kenntnis von KB-K (Opposition/wirksame Felder) hingegen sind wesentlich einfacher und leisten einem auch schon gute Dienste. Ich bin ja nicht mehr auf dem Wege zur Weltmeisterschaft.
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Re: Gegenfeldersysteme im Bauernendspiel

Beitragvon Tobi » So 27. Sep 2009, 22:42

Ich finde allein die Idee schon super, da es dem Spiel irgendwie etwas Wissenschaftliches gibt, halte das Konzept aber für mich auch für zu schwer.
Der "Kosten-Nutzen-Faktor" würde sich nicht lohnen.
Von den letzten 15 Partien hatte ich ein Bauernendspiel ;)
Trotzdem ein toller Beitrag, ich kannte das Konzept nämlich noch nicht :!:
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Re: Gegenfeldersysteme im Bauernendspiel

Beitragvon JerryCotton » Mo 28. Sep 2009, 00:14

salto.mattale hat geschrieben:Mit der Theorie der korrespondierenden Felder beschäftige ich mich erst wieder, wenn es während einer Turnierpartie erlaubt ist, die Felder mit numerierten Papierschnipseln zu markieren ;)

Ansonsten ist das alles zu viel für mein kleines Hirn.

:lol: :lol:
Ok, Spass muss erlaubt sein. Selbst wenn für einen Durchschnittspatzer schwer anwendbar, ist die Idee sehr interessant.

@Bauerndiplom
Ok, die Basisfelder 1 und 2 sind leicht zu finden. Ebenfalls das Verbindungsfeld 3. Dann Quadrat angefangen mit der 4 Ergänzen.
Nachvollziehbar in dieser Aufgabe. Aber wo zauberst du die äußerste Reihe her?
Zudem scheint dieses Herangehensweise nur dann zu funktionieren, wenn die beiden Basisfelder direkt nebeneinander liegen.

ps. Ok, sehe dass du einfach die zahlen in der Reihe zuvor gespiegelt hast. Aber logisch ist das nicht oder :D
"So ist Fussball, manchmal gewinnt der bessere." (dürfte auch fürs Schach gelten :))
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Re: Gegenfeldersysteme im Bauernendspiel

Beitragvon elvis » Mo 28. Sep 2009, 00:23

Die Erklärung, wie man die Zahlenwerte der Felder ausßerhalb des Kerndreiecks bestimmt (b1, b2, b3, b4, c1, d1, e1 / f8, g8, h8), fehlt mir hier auch. Dazu habe ich vor einiger Zeit mal etwas gelesen - ich weiß aber nicht mehr wo.

Abgesehen davon:
Das Beispiel ist eine kompliziertere Anwendung, aber das Grundprinzip ist in vielen Bauernendspielen gleich. Es geht darum, den König auf das richtige Feld zu bekommen und den Gegner in Zugzwang zu bringen. Das typische Dreiecksmanöver ist eine Minimalform der Gegenfelder-Technik. Das sollte soweit bekannt sein.

Um den Lösungsweg zu finden, fängt man beim Ziel an. Welche Stellung möchte ich erreichen? Und dann konstruiert man Zug um Zug rückwärts, wie die Wunschstellung erreicht werden kann, und definiert dabei den Wert der einzelnen Felder.
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