Tablebases

Moderator: Jupp53

Tablebases

Beitragvon stoppelhoppler » Di 5. Mai 2009, 19:48

Endspiele und Endspielanalysen kann man ja heutzutage in einigen Fällen mit den online abrufbaren "tablebases" überprüfen.
Ich besuche daher ab und zu http://www.shredderchess.de/online-scha ... nbank.html, um mich über Ergebnisse zu vergewissern.

Manche mit dieser Hilfe entstehenden Zugfolgen sind für mich auf den ersten und zweiten Blick so abwegig, daß ich immer noch an der Richtigkeit der bases zweifle (reine Blasphemie, denn sie stimmen!).
Den Sinn etlicher tablebase-Züge muß ich mir also häufig mühsam erarbeiten.

Heute bin ich auf folgende Stellung gestoßen, die aus einer (lt. tablebase nicht ganz korrekten) Analyse eines Turmendspiels der Partie Sedina-Jenni 2002 entstammt.
Bild

Weiß am Zug gewinnt allein mit Th7, während Schwarz mit Kg6, was Th7 ausschaltet, remis hält. Soweit ist dies noch verständlich (und wird auch von den Endspieltheoretikern gelehrt: Der Turm gehört in den Rücken und der Verteidiger muß dies möglichst verhindern!). Wenn man den weiteren Lösungsweg abruft, dann stößt man aber auf einige Dreiecksmanöver zwecks Wechsel des Zugrechts, die wirklich nicht unbedingt naheliegend sind.

Ich gebe mal die Zugfolge weiter an:

1. Th7 (einziger!) Kg6, 2. Th8 (einziger!) Kg5, 3. Tg8+ (naja, so heißt ja auch das Spiel) Kf5,
4. Kf2 (oder Kh2 - hier beginnt ein Manöver, dagegen verdirbt das nicht unplausible Kh4 die Partie wegen Kf4 schon zum remis!) Kf6 (hartnäckiger als das für mich näherliegende Kf4),
5. Kf1 (Beginn Dreiecksmanöver) Kf5, 6. Ke(g)1 Kf4 (jetzt etwas besser als Kf6!), 7. Kf2 (Dreiecksmanöver beendet - aber dieser Zug ist mal verständlich - Kg3 muß verhindert werden.) Kf5, 8. Ke3 (endlich gehts mal wieder voran!) Kf6, 9. Kd2 (und schon wieder zurück - das hat mich als kürzester Gewinnweg doch umgehauen :o - was hat Weiß vor?) Kf5 (okay, Schwarz hat nichts besseres - er muß Tg5 verhindern), 10. Th8 (der Sinn des Manövers, der Turm geht auf die h-Linie zurück - ein Mensch müßte die Folgen von Kf4 nebst Kg3 jetzt berechnen) Kg6 (Tablebase meldet bei Kf4 einen schnelleren Verlust :lol: - das ist mir instinktiv ganz klar :roll: ! - ehrlich gesagt, den Gewinn nach ... Kf4, 11. Txh5 Kg3, 12. Tg5! - einziger - fände ich eher nicht... :oops: ), 11. Kd3! (herrlich - das aufdringliche Ke3 läßt den Gewinn wieder um 11 Züge zurücktreten) Kg5, 12. Ke3! (jetzt aber!) Kg6, 13. Kf2 (hatten wir das nicht schon einmal :?: :? ) Kg5, 14. Kg3 (endlich wieder näher dran!) Kg6, 15. Kh4 (jetzt wirds klarer!) Kf6, 16. Th6+! (das Schlagen auf h5 verpatzt es zum remis oder gar zum Verlust - der Bauer muß intelligenter gewonnen werden!) Kf5, 20. Txh5 Kf4, 21. Th8 f2 (Ke3 hält einen Zug länger - f2 ist menschlicher), 22. Tf8+ Ke3, 23. Kg3 +-

Wie kann man nun das ganze Vorgehen strategisch mit Worten beschreiben?

Der Schwachpunkt der schwarzen Stellung ist der Bauer h5. Weiß muß diesen erobern, ohne Gegenspiel einzuräumen. Der Turm gehört auf die h-Linie, um h5 anzugreifen und um ein Vorrücken zu unterbinden. Die Eroberung des Bauern h5 allein durch den Turm ist aber nicht möglich, so daß Weiß dafür seinen König noch nach h4 bringen muß. Dabei muß er f3-f2 im auge behalten und jederzeit abwehren können.
Nach 2. ... Kg5 kommt weiß aber mit seinem direkten Plan nicht weiter. Die folgenden Manöver dienen allein dazu, die Stellung nach dem 2. Zug mit schwarzer und nicht mit weißer Zugpflicht zu erreichen.
Man staunt :shock: , wie viele Mühen für dieses kleine, aber entscheidende Ergebnis notwendig sind.
Zuletzt geändert von stoppelhoppler am Di 5. Mai 2009, 21:30, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Tablebases

Beitragvon Hotzenwälder » Di 5. Mai 2009, 21:03

Ich verfolge regelmäßig auf schach.de die großen Turniere. Viele Zuschauer haben dabei ihre Engine mit Tablebases zugeschaltet und posten dann "Matt in 24"! Wenn dann der betreffende Spieler den Zug nicht findet(was meist der Fall ist)ist der Aufschrei groß "oh he blundered".
Oft gibt es bei solchen Stellungen nur einzige Züge, die dann zum Gewinn führen. Hier stoßen auch die Besten an ihre Grenzen.
In einem Interview antwortete Anand auf den Satz.."in dieser Blindpartie gegen Wang Yue mit 2 Springer gegen Bauer ließen sie laut tablebases mehrfach den Gewinn aus"..lachend mit: "Ja, einmal konnte ich forciert in etwas mehr als 40 Zügen gewinnen, dann in über 60 Zügen"
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Re: Tablebases

Beitragvon stoppelhoppler » Di 5. Mai 2009, 21:39

Hotzenwälder hat geschrieben:...
Oft gibt es bei solchen Stellungen nur einzige Züge, die dann zum Gewinn führen. Hier stoßen auch die Besten an ihre Grenzen...


Genau - allerdings sind einige der besten und einzigen Züge auch geläufigere Theorie (für die Profis ;) !), die die Besten schon kennen sollten, doch unter Increment-Bedingungen und nach hartem Kampf kommen dann doch die menschlichen Fehler.
Ein weiteres Beispiel hierfür ist vielleicht die Endspielniederlage Lekos - beste Performance am 1. Brett bei der Oly in Dresden 2008 - gegen Chucky mit T gegen T+L ebendort.
Mit etwas mehr Bedenkzeit und ohne Ermüdung hätte Leko wohl doch wie eine Tablebase gespielt.
Aber das Increment reicht zur fehlerfreien Orientierung dann doch nicht aus.
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