Ohne Plan beim Turmendspiel

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Ohne Plan beim Turmendspiel

Beitragvon Tico » Di 1. Sep 2009, 07:10

Moin,

kürzlich hatte ich online bei einer 15-Minuten-Partie mit 10 Sekunden increment mit Weiß (am Zug) folgende Stellung erreicht:

Bild

Weiß scheint durchaus Vorteil zu haben, aber ich hatte während der Partie absolut keinen vernünftigen Plan, wie ich diesen Vorteil am besten gewinnbringend hätte ausnutzen können. Gerade bei Turmendspielen mit Bauern auf beiden Seiten fällt es mir schwer, die richtige Mischung aus "gegnerische Bauern bremsen" und "eigene Bauern vorantreiben" zu finden.
Wie geht man in solchen Stellungen vor, wie hätte ich in dieser konkreten Stellung vorgehen sollen? Ich erwarte nun keine ellenlangen Varianten und Analysen, sondern wünsche mir eher eine Formulierung der Pläne.
Die Partie habe ich übrigens tatsächlich noch gewonnen, aber nur unter gütigster Mithilfe meines Gegners...
Es wäre schön, wenn ein paar Antworten eintrudeln würden.

Herzliche Grüße
Tico
 

Re: Ohne Plan beim Turmendspiel

Beitragvon Randspringer » Di 1. Sep 2009, 07:27

Das einzige weiße Problem besteht in der schlechten Position des Königs, welcher die eigenen Bauern behindert.
Der genaueste Plan sollte 1.b4! Txc2 2.Tg6 Tc3 4.Txh6 Txa2 5.Th4! mit folgender Stellung sein

Bild

als nächstes zieht Weiß seien T nach f4, worauf er mit Kg4 seinen h-Bauern ins Rennen schicken kann. Der b-Bauer sowie der T halten die schwarzen Bauern lange genug auf.




Nachtrag: 5.Txc6 ist ungenau wegen Ta4 2.Tc4 a5!
Mögen die Springer mit Euch sein!
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Re: Ohne Plan beim Turmendspiel

Beitragvon Geck0tierchen » Di 1. Sep 2009, 09:21

Tico hat geschrieben:Moin,
Wie geht man in solchen Stellungen vor, wie hätte ich in dieser konkreten Stellung vorgehen sollen? Ich erwarte nun keine ellenlangen Varianten und Analysen, sondern wünsche mir eher eine Formulierung der Pläne.


Vermutlich ist genau das der Fehler.

Es handelt sich bei deiner Stellung um die Vorstufe eines Bauernrennenes. Bei diesen gehen allgemeine Endspielprinzipien ("Übereile nichts" etc.) geradewegs den Bach runter und konkrete Variantenberechnung tritt auf den Plan.

Selbstverständlich kann man aber immer ein paar prinzipielle Überlegungen anstellen:

a) Ein K+T+2b vs. K+T+b (Bauern an unterschiedlichen flügeln) ist, wenn die matieralunterlegene Seite nicht außerordentlich gut postiert ist, i.A. leicht für die materialüberlegene Seite gewonnen, da der Turm sich am Ende gegen den Bauern opfert und die beiden Bauern den gegnerischen Turm überlasten.

Hieraus lässt sich z.B. folgern, dass wir h- und g-bauern umbedingt behalten und lieber Damenflügelbauern abgeben wollen (lässt sich sowieso nicht vermeiden), da Verlust oder Tausch eines der Königsflügelbauern Gewinnpotential reduziert. Hieraus ließe sich ableiten, dass der Bauer h6 beseitigt werden muss (und dies vorrang vor der Beseitigung von z.B. c6 hat). Damit haben wir schon eine Grundvorstellung davon, wie wir gewinnen.

Sämtliche Zugfolgen werden also früher oder später ("Vorteil muss spielen" - Bangiev) folgendes beinhalten:

ThX (oder TX6) nebst Txh6
Kg4
h4

Wie die konkrete Realisierung aussieht, hängt (wie IMMER IM SCHACH!!) von der Berechnung der jeweiligen Varianten ab. Ob man für einen Verteidigungszug Zeit hat oder dieser ein lebenswichtiges Tempo kostet, muss genauso berechnet werden wie der umgekehrte Fall, dass ein Verteidigungszug umbedingt notwendig ist, weil der brute-force-Weg zu einem ausgeglichenen Bauernrennen führt.

Randspringers Behandlung sieht aber bereits sehr gut aus. Da unser König die Bauern zur Verwandlung führt (und idealerweise am Ende den gegnerischen Turm dabei gewinnt), brauchen wir unseren Turm nur zur Verhinderung von Gegenspiel. a- oder b-Bauer sind ideal dafür geeignet, das gegnerische Rennen zu verlangsamen (bzw. in ein 2vs1 rennen zu verwandeln), da Schwarz zu ihrer Beseitigung andersweitige Züge ziehen oder Bauern tauschen muss (und somit entweder Zeit oder Gewinnpotential verliert) . Der b-Bauer dient als Wächter (bxa5, bxc5), der a-Bauer als Widder gegen den a7 - und die c-bauern alleine sind nicht gefährlich genug! (siehe Ausführung oben).

Man würde also folgendes Versuchen:

- Den h6-Bauern eliminieren (2 Turmzüge)
- a- oder b-Bauern absichern.
- Die Zeit nutzen, die Schwarz benötigt, um unseren Damenflügelwiderstand zu beseitigen, indem wir unseren Vorteil geltend machen
- Turm für Gegenspiel opfern
- einen der Königsflügelbauern gegen den gegnerischen Turm verlieren
- wenige Züge später den zweiten Bauern umwandeln
- Mit Dame und König gegen König (und eventuell Restbauer) gewinnen (hier wieder Variantenberechnung - es handelt sich bei den gegnerischen Bauern um rand- und Läuferbauer, es gibt also Pattmotive!)

Neben der Randspringerschen Methode könnte man so z.B. auch folgendes, etwas direkteres versuchen:

1.Tg6 Txc2 (sonst schlagen wir auf c6 und haben alle Zeit der Welt)
2.Txh6 Txb2 (Wer hat Lust, Kb7 Th4!? Txb2 Tb4+ zu analysieren? Ansonsten kann Weiß hier natürlich auch Kb7 b4 Ta2 Th4 mit Randspringervariante spielen)
3.Txc6 Ta2 (3...Kb7 4.Tc3! der weiße Turm steht ideal, denn Schwarz kann ihn nur angreifen, indem er mit dem König hinter dem Bauern entlang kreuzt - doch dies kostet Zeit. / 3...Kd7 4.Ta6! kostet erneut einen Bauern und mit 2vs1 haben wir bereits gewonnen)
4.Ta6!? (4.Tc3 Kd7! hier hat Schwarz bereits gekreuzt und kann somit schneller an den Turm heran. Weiß düst mit 5.g4 los, aber die konkrete Variantenberechnung wird nun erneut sehr wichtig - ein Bauernrennen ist entstanden) Kb7
5.Ta4 Kb6
6.g4 a5 (Kb5 Txb7 +-)
7.g5!? Kb5

etc. . Man sieht, dass die entstehenden Varianten jetzt erneut einiges an Berechnungen brauchen. Spiele ich 8.Tg4, um meinen g-Bauern zu unterstützen? (dies widerspricht unserem Plan! Wir brauchen unseren Turm, um den a-bauern zu beseitigen - pushen wir nur den g-Bauern, verbleiben wir mit einem unkultivierten Bauern auf h2.) Spiele ich 8.Tf4 Txa3+ 9.Kg4 Td3 (9...a4? 10.g6! Td3 11.g7! Td8 12.Tf8! Td1 13.Kg2!+-) und jetzt 10.g6 oder 10.h4? Auch hier ist ein Bauernrennen entstanden, dass Variantenberechnung erfordert (auch wenn es exzellente Gewinnaussichten für Weiß ergibt)

Anmerkung: In Randspringers Schlussstellung sollte man vor Schwindelversuchen mit 5...c5!?! aufpassen. nach 6.bxc5 a5! 7.Kg4?? Ta4+ nebst Txh4 -+, aber z.B.

7.Tf4 Ta2!? (Kg4? Txh2 und Weiß büßt Gewinnpotential ein , wonach die schwarzen Bauern nicht zwingend ungefährlicher als die weißen sind) 8.g4 und Weiß hat hervorragende Aussichten. Oder aber auch

7.c6!? Kb8!? (spontan versuche ich es hier eher mit einer Schutzschildaktion der a-Linie. ) oder

7.Ta8+ nebst Kg4 und h4,was reichen sollte. Schwarz kann zwar mit Kc6xc5 materielles Gleichgewicht hergestellt, die weißen Bauern sind dann aber bereits fortgeschritten, ergo gefährlicher.
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Re: Ohne Plan beim Turmendspiel

Beitragvon JerryCotton » Di 1. Sep 2009, 09:26

Geck0tierchen hat geschrieben:
1.Tg6 Txc2 (sonst schlagen wir auf c6 und haben alle Zeit der Welt)


Randspringer wies im Chat auf c5 hin. Ev. ist es dann etwas komplizierter und 1.b4 deshalb genauer?

Btw, wir warten schon seid langem auf deine Antwort hier: viewtopic.php?f=24&t=389&p=2818#p2818 :)
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Re: Ohne Plan beim Turmendspiel

Beitragvon Tico » Di 1. Sep 2009, 10:22

Danke erstmal für Eure ausführlichen und konstruktiven Kommentare!

Ich bin froh, dass ich bei meiner Fortsetzung während der Partie nicht komplett daneben gelegen habe (nur ein bisschen ;) ), auch wenn mir Turmendspiele wohl stets ein Rätsel sein werden...

Der Vollständigkeit halber folgt nun die Partie, wie sie dann tatsächlich gelaufen ist (ab der Diagrammstellung):

Zuletzt geändert von LowScore am Di 1. Sep 2009, 14:09, insgesamt 2-mal geändert.
Grund: PGN-Viewer für Partiefortsetzung genutzt
Tico
 

Re: Ohne Plan beim Turmendspiel

Beitragvon elvis » Di 1. Sep 2009, 13:15

Im Sinne von Randspringers Stellung

Bild

und Geck0s
Geck0tierchen hat geschrieben:Wie die konkrete Realisierung aussieht, hängt (wie IMMER IM SCHACH!!) von der Berechnung der jeweiligen Varianten ab. Ob man für einen Verteidigungszug Zeit hat oder dieser ein lebenswichtiges Tempo kostet, muss genauso berechnet werden wie der umgekehrte Fall,

interessieren mich jetzt die Ressourcen für Schwarz.

Vordringliches Ziel sollte sein, b4 abzutauschen, um auf dem Damenflügel ein Bauernverhältnis von 2:0 und damit Gegenchancen zu bekommen.
Schwarz hat zwei Möglichkeiten:
1) c5 kostet mindestens ein Tempo zur Vorbereitung (unmittelbar 5...c5 verliert), dafür behält Schwarz eine dynamische Bauernstellung mit a+c. Der König kann auf der b-Reihe den Vormarsch beider Bauern stützen.
2) a5 kann direkt gespielt werden, dafür behält Schwarz nur einen Doppelbauern. Der schwarze König geht über d7 ins Spiel, um entweder den Vormarsch des c-Bauern zu decken oder zum Königsflügel zu wandern.

1) scheint zu langsam zu sein. Bei 2) kann Schwarz ums Remis kämpfen.

5...a5 6.bxa5 Txa5 7.Tf4 (thematisch) Ta2 (verhindert sofortiges Kg4) 8.g4 Kd7

und nun zwei Varianten zum Bauernrennen, Weiß schickt den g- oder den h-Bauer:

A) 9.g5 c5 10.g6 Ke7 11.Tf7+ Ke8 12.Txc7 Kf8 13.Kg3 Ta6 14.g7+ Kg8 15.h4 Tg6+ 16.Kh3 Txg7 17.Txc5

B) 9.Kg3 c5 10.h4 Ta1 11.h5 Th1 12.Tf3 Ke6 13.Kf4 c4 14.Kg5 Kd5 15.h6 Kd4 16.Tf7 c5 (Remis)
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Re: Ohne Plan beim Turmendspiel

Beitragvon Randspringer » Di 1. Sep 2009, 13:25

elvis hat geschrieben:
1) scheint zu langsam zu sein. Bei 2) kann Schwarz ums Remis kämpfen.

5...a5 6.bxa5 Txa5 7.Tf4 (thematisch) Ta2 (verhindert sofortiges Kg4) 8.g4 Kd7

und nun zwei Varianten zum Bauernrennen, Weiß schickt den g- oder den h-Bauer:

A) 9.g5 c5 10.g6 Ke7 11.Tf7+ Ke8 12.Txc7 Kf8 13.Kg3 Ta6 14.g7+ Kg8 15.h4 Tg6+ 16.Kh3 Txg7 17.Txc5

B) 9.Kg3 c5 10.h4 Ta1 11.h5 Th1 12.Tf3 Ke6 13.Kf4 c4 14.Kg5 Kd5 15.h6 Kd4 16.Tf7 c5 (Remis)



7. Te4 ist hier genauer, da der T in dieser Variante keine Deckung benötigt und der schwarze K weiter abgeschnittenbleibt.
Ta2 8.g4
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