Tico hat geschrieben:Moin,
Wie geht man in solchen Stellungen vor, wie hätte ich in dieser konkreten Stellung vorgehen sollen? Ich erwarte nun keine ellenlangen Varianten und Analysen, sondern wünsche mir eher eine Formulierung der Pläne.
Vermutlich ist genau das der Fehler.
Es handelt sich bei deiner Stellung um die Vorstufe eines Bauernrennenes. Bei diesen gehen allgemeine Endspielprinzipien ("Übereile nichts" etc.) geradewegs den Bach runter und konkrete Variantenberechnung tritt auf den Plan.
Selbstverständlich kann man aber immer ein paar prinzipielle Überlegungen anstellen:
a) Ein K+T+2b vs. K+T+b (Bauern an unterschiedlichen flügeln) ist, wenn die matieralunterlegene Seite nicht außerordentlich gut postiert ist, i.A. leicht für die materialüberlegene Seite gewonnen, da der Turm sich am Ende gegen den Bauern opfert und die beiden Bauern den gegnerischen Turm überlasten.
Hieraus lässt sich z.B. folgern, dass wir h- und g-bauern umbedingt behalten und lieber Damenflügelbauern abgeben wollen (lässt sich sowieso nicht vermeiden), da Verlust oder Tausch eines der Königsflügelbauern Gewinnpotential reduziert. Hieraus ließe sich ableiten, dass der Bauer h6 beseitigt werden muss (und dies vorrang vor der Beseitigung von z.B. c6 hat). Damit haben wir schon eine Grundvorstellung davon, wie wir gewinnen.
Sämtliche Zugfolgen werden also früher oder später ("Vorteil muss spielen" - Bangiev) folgendes beinhalten:
ThX (oder TX6) nebst Txh6
Kg4
h4
Wie die konkrete Realisierung aussieht, hängt (wie IMMER IM SCHACH!!) von der Berechnung der jeweiligen Varianten ab. Ob man für einen Verteidigungszug Zeit hat oder dieser ein lebenswichtiges Tempo kostet, muss genauso berechnet werden wie der umgekehrte Fall, dass ein Verteidigungszug umbedingt notwendig ist, weil der brute-force-Weg zu einem ausgeglichenen Bauernrennen führt.
Randspringers Behandlung sieht aber bereits sehr gut aus. Da unser König die Bauern zur Verwandlung führt (und idealerweise am Ende den gegnerischen Turm dabei gewinnt), brauchen wir unseren Turm nur zur Verhinderung von Gegenspiel. a- oder b-Bauer sind ideal dafür geeignet, das gegnerische Rennen zu verlangsamen (bzw. in ein 2vs1 rennen zu verwandeln), da Schwarz zu ihrer Beseitigung andersweitige Züge ziehen oder Bauern tauschen muss (und somit entweder Zeit oder Gewinnpotential verliert) . Der b-Bauer dient als Wächter (bxa5, bxc5), der a-Bauer als Widder gegen den a7 - und die c-bauern alleine sind nicht gefährlich genug! (siehe Ausführung oben).
Man würde also folgendes Versuchen:
- Den h6-Bauern eliminieren (2 Turmzüge)
- a- oder b-Bauern absichern.
- Die Zeit nutzen, die Schwarz benötigt, um unseren Damenflügelwiderstand zu beseitigen, indem wir unseren Vorteil geltend machen
- Turm für Gegenspiel opfern
- einen der Königsflügelbauern gegen den gegnerischen Turm verlieren
- wenige Züge später den zweiten Bauern umwandeln
- Mit Dame und König gegen König (und eventuell Restbauer) gewinnen (hier wieder Variantenberechnung - es handelt sich bei den gegnerischen Bauern um rand- und Läuferbauer, es gibt also Pattmotive!)
Neben der Randspringerschen Methode könnte man so z.B. auch folgendes, etwas direkteres versuchen:
1.Tg6 Txc2 (sonst schlagen wir auf c6 und haben alle Zeit der Welt)
2.Txh6 Txb2 (Wer hat Lust, Kb7 Th4!? Txb2 Tb4+ zu analysieren? Ansonsten kann Weiß hier natürlich auch Kb7 b4 Ta2 Th4 mit Randspringervariante spielen)
3.Txc6 Ta2 (3...Kb7 4.Tc3! der weiße Turm steht ideal, denn Schwarz kann ihn nur angreifen, indem er mit dem König hinter dem Bauern entlang kreuzt - doch dies kostet Zeit. / 3...Kd7 4.Ta6! kostet erneut einen Bauern und mit 2vs1 haben wir bereits gewonnen)
4.Ta6!? (4.Tc3 Kd7! hier hat Schwarz bereits gekreuzt und kann somit schneller an den Turm heran. Weiß düst mit 5.g4 los, aber die konkrete Variantenberechnung wird nun erneut sehr wichtig - ein Bauernrennen ist entstanden) Kb7
5.Ta4 Kb6
6.g4 a5 (Kb5 Txb7 +-)
7.g5!? Kb5
etc. . Man sieht, dass die entstehenden Varianten jetzt erneut einiges an Berechnungen brauchen. Spiele ich 8.Tg4, um meinen g-Bauern zu unterstützen? (dies widerspricht unserem Plan! Wir brauchen unseren Turm, um den a-bauern zu beseitigen - pushen wir nur den g-Bauern, verbleiben wir mit einem unkultivierten Bauern auf h2.) Spiele ich 8.Tf4 Txa3+ 9.Kg4 Td3 (9...a4? 10.g6! Td3 11.g7! Td8 12.Tf8! Td1 13.Kg2!+-) und jetzt 10.g6 oder 10.h4? Auch hier ist ein Bauernrennen entstanden, dass Variantenberechnung erfordert (auch wenn es exzellente Gewinnaussichten für Weiß ergibt)
Anmerkung: In Randspringers Schlussstellung sollte man vor Schwindelversuchen mit 5...c5!?! aufpassen. nach 6.bxc5 a5! 7.Kg4?? Ta4+ nebst Txh4 -+, aber z.B.
7.Tf4 Ta2!? (Kg4? Txh2 und Weiß büßt Gewinnpotential ein , wonach die schwarzen Bauern nicht zwingend ungefährlicher als die weißen sind) 8.g4 und Weiß hat hervorragende Aussichten. Oder aber auch
7.c6!? Kb8!? (spontan versuche ich es hier eher mit einer Schutzschildaktion der a-Linie. ) oder
7.Ta8+ nebst Kg4 und h4,was reichen sollte. Schwarz kann zwar mit Kc6xc5 materielles Gleichgewicht hergestellt, die weißen Bauern sind dann aber bereits fortgeschritten, ergo gefährlicher.
She gets upset and lashes out at him for letting himself be crushed by the weight of the world and wasting away his own life worrying about things beyond his control.
However, this is what chess should be like: rich and difficult.
- Tiger H. Persson