Lektion : Umgehung (Outflanking)

Moderator: Jupp53

Lektion : Umgehung (Outflanking)

Beitragvon TheKillerGrob » Mi 18. Nov 2009, 19:15

So, hier ist nun die erste Lektion; Thema: (Königs-)Umgehung.
Die Umgehung ist ein einfaches, aber nützliches Werkzeug, welches man kennen sollte. Mit ihm kann man in Stellungen eindringen, in die man es anders nicht schaffen würde.

Zuerst einmal eine Definition des Begriffs Umgehung:
Die Umgehung ist ein Manöver, wo der König der angreifenden Seite eine Linie zwischen sich und den gegnerischen König bringt (manchmal gibt dies sogar die Opposition auf!). Dies erlaubt dem umgehenden König sich näher an ein Ziel heranzubringen, ohne dass es dem gegnerischen König erlaubt wird vor den angreifenden König zu treten und direkte Opposition einzunehmen.

Jetzt ein Diagramm:
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Weiss ist nun am Zug und hat die Aufgabe eines der Felder f8,g8 oder h8 zu erreichen; Weiss kann dies forciert in maximal 18 Zügen erreichen! Schwarz wird das permanent zu unterbinden versuchen, mit Hilfe der Opposition.
Ihr könnt diese Stellung ja mal verschiedenen Schachspielern zeigen, aber nur wenige werden es lösen können, und viele werden übberrascht sein, das ein König stärker sein kann als der andere.

Der erste Schritt in die richtige Richtung ist : 1.Ka2!
Das ist der einzige Weg ,die Opposition zu erhalten. Der direktere Weg mit Kb2 scheitert: 1.Kb2?? Kb8! (danach ist es für Weiss schon unmöglich die Zielzone zu erreichen) 2.Kc3 Kc7 3.Kd4 Kd6 4.Ke4 Ke6 ; Weiss kommt nicht näher
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1.Kb2 Weiss begibt sich zur Ziel-Seite
2...Kc8 minimiert die weissen Optionen auf ein Minimum; das scheinbar aktivere 2...Kc7 3.Kc3 würde nur dem Weissen helfen.
3.Kc2 Weiss begibt sich weiter zum Königsflügel; Weiss könnte Schwarz hier zwar schon mit 3.Ka3 umgehen, würde aber im Moment scheitern
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Dadurch dass Weiss nun eine Linie zwischen sich und den schwarzen König gebracht hat, verhindert er, dass Schwarz die direkte Opposition einnehmen kann (Umgehung). Schwarz kann zwar jetzt indirekte Opposition einnehmen mit 3...Kc7 (formt ein Rechteck mit den Punkten c7,c3,a3,a7 ,wobei die Eckfelder gleicher Farbe sind), aber Weiss kann sich forwärts bewegen: 4.Ka4 Kc6 5.Ka5 Kc5 6.Ka6 Kc6
Weiss hat es geschafft in die schwarze Stellung einzudringen, aber er wird nie mehr die Zielzone erreichen können.
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Nun zurück zur Stellung nach 3.Kc2
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Um dieses Problem zu lösen, muss sich Weiss erst zu der Seite begeben, wo sich die Zielzone befindet (Königsflügel) und erst dort die Umgehung anwenden. Die Logik dahinter ist einfach zu verstehen: jede Vorwärtsbewegung wird Weiss erlauben, den Zielpunkten näher zu kommen.
3...Kd8 4.Kd2 Ke8 5.Ke2 Kf8 6.Kf2 Kg8 7.Kg2
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Weiss befindet sich nun auf der optimalen Linie, da sein König genau in der Mitte der Zielfelder liegt.
7...Kh8 (Auf 7...Kf8 folgt analog 8.Kh3!)
8.Kf3! Umgehung!
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8...Kg7 Schwarz könnte jetzt auch die Opposition einnehmen mit 8...Kh7, aber nach 9.Kf4 Kh6 10.Kf5 Kh5 11.Kf6 wird Weiss das Zielfeld f8 erreichen; Die Aufgabe der Opposition, um ein höheres Ziel zu erreichen, ist ein Hauptmerkmal der Umgehung!
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Zurück nach 8.Kf3 Kg7 9.Kg3! Zufrieden damit,dass er eine Reihe höher gekommen ist, nimmt Weiss die Opposition ein; Fehler würden sein: 9.Kf4? Kf6! und 9.Kg4? Kg6 In beiden Fällen würde Weiss sein Ziel nicht mehr erreichen.
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9...Kf7 9...Kh7 10.Kf4 führt analog dazu auch zum Ziel
10.Kh4! Ein weiteres Umgehungs-Manöver! Weiss bietet Schwarz wieder die Möglichkeit, die Opposition einzunehmen.
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10...Kg6 Und Schwarz lehnt sie wieder ab! Nach 10...Kf6 11.Kh5 Kf5 würde Schwarz klar die Opposition besitzen, aber Weiss würde 12.Kh6 spielen und das Zielfeld h8 sein Eigen nennen.
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11.Kg4 Weiss nimmt wieder die Opposition ein.
11...Kh6 oder 11.Kf7 12.Kf5 Kg7 13.Kg5 Kh7 14.Kf6
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Zurück nach 11...Kh6
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12.Kf5 Kg7 13.Kg5 Kf7 14.Kh6 Kg8 15.Kg6 Kf8 16.Kh7
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Und Weiss kann nicht mehr daran gehindert werden, sein Ziel mit 17.Kh8 zu erreichen. Q.E.D.
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Re: Lektion : Umgehung (Outflanking)

Beitragvon Geck0tierchen » Mi 18. Nov 2009, 19:44

Es ergibt m.E. nach keinen Sinn, die Umgehung unabhängig von einer Definition der Oppositionsarten (normal,diagonal,fern-,virtuell) zu behandeln, da sich aus ihr erst der Umgehungsbegriff ableitet.
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Umgehung (Outflanking)

Beitragvon stoppelhoppler » Mi 18. Nov 2009, 19:58

Das vorgestellte Problem finde ich interessant :!:

Ich muß zugeben, daß ich zunächst auch dachte, was soll das :? .
Doch dann stellte ich fest, daß dies eigentlich eine wunderbare Übung ist, die Fortgeschrittene beim Training mal probieren sollten (und damit ein Gefühl für die Zusammenhänge bei gegenseitigen Königsmanövern bekommen).

Ich bin mir gar nicht so sicher, wie viele (stark) fortgeschrittene Spieler diese Aufgabe gegen eine Tablebase lösen können.
Das dürfte dauern und vielleicht einige Irritationen vorrufen.
Ich werde die Aufgabe beim nächsten Treffen im Dezember mal einigen "Spezialisten" vorlegen und bin gespannt ;) .
Die Signatur, die Signatur hat nicht immer Recht.
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Re: Lektion : Umgehung (Outflanking)

Beitragvon Jupp53 » Mi 18. Nov 2009, 20:17

Geck0tierchen hat geschrieben:Es ergibt m.E. nach keinen Sinn, die Umgehung unabhängig von einer Definition der Oppositionsarten (normal,diagonal,fern-,virtuell) zu behandeln, da sich aus ihr erst der Umgehungsbegriff ableitet.
Interessant. Hast Du dazu eine Quelle?

Die Übung hier bewährt sich für Anfängerkurse ganz gut, wenn das Endspiel KB-K nachgeschoben wird.
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Re: Lektion : Umgehung (Outflanking)

Beitragvon Geck0tierchen » Do 19. Nov 2009, 16:45

Jupp53 hat geschrieben:
Geck0tierchen hat geschrieben:Es ergibt m.E. nach keinen Sinn, die Umgehung unabhängig von einer Definition der Oppositionsarten (normal,diagonal,fern-,virtuell) zu behandeln, da sich aus ihr erst der Umgehungsbegriff ableitet.
Interessant. Hast Du dazu eine Quelle?

Die Übung hier bewährt sich für Anfängerkurse ganz gut, wenn das Endspiel KB-K nachgeschoben wird.


Opposition ist offensichtlich _nicht_ die blinde geometrische Situation von zwei sich gegenüberstehenden Königen (sonst gäbe es z.B. keine virtuelle Opposition), sondern immer eine Verteidigungstechnik, welche das Erreichen von speziellen Zielfeldern (Schlüsselfelder) verhindert. Das Prinzip der Gegenfelder sollte ja bekannt sein.

Bei einer mathematisch sauberen Methodik muss man immer mit irgendeiner Definitionsmenge anfangen, aus der sich schließlich alles (rekursiv oder sonstwie) ableitet. Jeder Satz muss beweisbar sein.

Es ist dementsprechend ganz schön, wenn man an einem konkreten Beispiel festmachen möchte, wie Umgehung funktioniert (kommt der könig nach h8?). Hiermit zu beginnen, ohne den Schülern vorher überhaupt Kriterien beigebracht zu haben, nach denen dies überhaupt entschieden werden kann, ist aber recht sinnlos. Man erkennt an dem oben gebrachten Beispiel nicht umbedingt eine zwingende Gesetzmäßigkeit, warum ausgerechnet dieser oder jene Zug der beste ist.

Durch den "Satz des Gegenfeldes" könnte man somit z.B. ausgehend von der anfangsposition Ka1,Ka8 auf Basis eines Schlüsselfeldes das _gesamte_ Spielfeld mit einem Gegenfeldkomplex versehe. Das konkrete Beispiel kann dann natürlich folgen.
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Re: Lektion : Umgehung (Outflanking)

Beitragvon Jupp53 » Do 19. Nov 2009, 20:45

Wenn(temporal) ich mit meinem Thema zu Bauernendspielen weitermache, dann biete ich Dir dazu hoffentlich noch einmal etwas Diskussionsstoff. Bei meinen Vorarbeiten war ich einmal der (übertriebenen!?) Meinung, die Opposition ganz fallen zu lassen.

Das mit dem Durchdenken geht bei mir langsam. Für die Opposition muss man m.E. den Begriff der Schlüsselfelder kennen. Daraus ergeben sich dann Opposition als "einfacher" Spezialfall der Gegenfelder und die allgemeine Theorie der Gegenfelder als Ausdifferenzierung der Schlüsselfelder. Es ist also für die eigene Konzeptbildung eine Frage, ob man vom Konkreten (Schlüsselfelder) zum Abstrakten (Gegenfeldertheorie) vorgeht oder umgekehrt.

Da die Gegenfeldertheorie deutlich mehr Raum zum Knobeln bietet, würde ich in einem Kurs für Spieler bis 1800 DWZ mit den Schlüsselfeldern beginnen und je nach Kenntnisstand der Gruppe Voranschreiten. Bei welchen Vorkenntnissen (~Spielstärke) der Einstieg über die Gegenfeldertheorie sinnvoller ist kann hier mangels Erfahrung nicht gesagt werden.

@TheKillerGrob:
Gute Arbeit! Bitte mache die Absätze zu den Diagrammen etwas größer. Eine Leerzeile dürfte reichen. Das ist für mich dann besser zu lesen.
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Re: Lektion : Umgehung (Outflanking)

Beitragvon kladist » Fr 1. Jan 2010, 17:20

Die "Umgehung" ist eine wichtige Technik. In meinem eigenen Training konnte ich feststellen, dass ihr Verständnis oft auf Schwierigkeiten stößt. Der Übersichtlichkeit halber hier noch einmal die Themastellung: Der weiße König soll eines der Felder f8, g8 oder h8 betreten.



1) Zur Stellung von TheKillerGrob - Ich habe die Bücher von Silman vorliegen: In der deutschen Übersetzung "Silmans Endspielkurs", die hier korrekt ist, heißt es dazu: "Ob Sie es glauben oder nicht, ein genaues Studium dieser Stellung und ihrer richtigen Behandlung zeigt dem Schüler die Feinheiten von Opposition, seitlicher Umgehung und Triangulation." (S.175f.) Das ist etwas seltsam, weil es in der Stellung nun wirklich nicht um ein Dreiecksmanöver (Triangulation) geht. Allerdings handelt der in Silmans Buch unmittelbar vorhergehende Abschnitt davon. In seinem Buch "How to Reassess your Chess", aus dem Silman diesen Abschnitt übernommen hat, kommt Triangulation denn auch nicht vor. TheKillerGrob hat das dann ja auch richtig weggelassen.

Seine Quelle gibt Silman nicht an. Aber im bekannten Endspielklassiker "Basic Chess Endings", der Silman selbstverständlich bekannt ist, behandelt Reuben Fine das Thema mit der gleichen Aufgabe, nur mit den Königen auf h1 und h8, also seitenvertauscht. Er nennt feundlicherweise Rudolf L'Hermet 1914 als Quelle. Wo die Studie erschienen ist, konnte ich aber nicht ermitteln. Vielleicht weiß das ja jemand.

2) Zur Didaktik der Umgehung - Systematisch macht eine Reihenfolge Schlüsselfelder-Gegenfelder-Opposition durchaus Sinn. Bekannt geworden ist sie meines Erachtens durch Ilja Maiselis und Juri Awerbach (es gab Vorgänger). Autoren wie Karsten Müller oder Mark Dworetzki folgen ihnen in diesem Punkt. Das heißt meines Erachtens aber nicht, dass das Erlernen auch in dieser Reihenfolge geschehen müsste oder sollte. Jupp hat sich anderswo ja auch schon Gedanken zur Vermittlung gemacht. Silmans Endspielkurs z. B. nimmt in seinen ersten Stufen das Thema "Opposition" immer wieder neu auf anspruchsvollerem Niveau auf. Kann man so machen, muss man aber natürlich auch nicht. GeckOtierchens Hinweise richten sich jedenfalls meines Erachtens zu sehr an einer bestimmten Systematik aus. Auch mit Forderungen nach Ableitungen und Beweisen sollte man vorsichtig umgehen. Theorien sind im Schach kein Selbstzweck. (Vom Unterschied zwischen Entdeckung und Begründung mal ganz abgesehen)

Vor einiger Zeit habe ich das Thema "Opposition und Umgehung" auch im eigenen Training behandelt. Dabei habe mich ich in voller Absicht nicht auf Schlüsselfelder oder Gegenfelder gestützt. Inzwischen ist auch der Text zur Lektion online. Nun finde ich es zwar nicht besonders schicklich, eigene Beiträge in Foren zu teasern. Aber in diesem Fall hoffe ich, dass der Inhalt das in diesem Zusammenhang rechtfertigt. Also sorry im voraus. Hier der Link zum Text (pdf): http://www.schachfieber.de/lektionen/SC ... sition.pdf Über Feedback, ob der Text hilfreich ist oder eher nicht, würde ich mich natürlich freuen.
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Re: Lektion : Umgehung (Outflanking)

Beitragvon TheKillerGrob » Fr 1. Jan 2010, 18:16

Schönes Dokument! Da waren auch für mich einige neue Sachen dabei. Danke!
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