Endspiele aus einem Jugendkampf

Moderator: Jupp53

Endspiele aus einem Jugendkampf

Beitragvon linkinkev » Sa 17. Sep 2011, 19:51

Heute war ich mit einer Jugendmannschaft zu einem Mannschaftskampf unterwegs.

Es gab insgesamt 4 Endspiele, die ich recht interessant finde:

#1



Weiß am Zug
Der Mannschaftskampf war hier schon verloren, Schwarz hat 400 Punkte mehr und die Motivation war gering, so nahm Weiß hier Remis an. Wie steht ihr dazu?

#2



Weiß am Zug
Die letzte Partie des Mannschaftskampfes. Wieder: Der Mannschaftskampf war entschieden, es wurde langsam dunkel und alle wollten nach Hause, ergo Remis.
Theretisches Remis oder theoretisch gewonnen?

#3


Schwarz am Zug
Der Partieverlauf war eher im Bereich Würfelschach, am Ende hat man sich mit Sh5+ Kg4 Sf6 Kg3 auf Stellungswiederholung geeinigt.

#4

Hier bringt es wenig nur eine Stellung anzugeben.



Es war schad, dass er das nicht gewonnen hat, aber am Ende hätte man es auch noch ein wenig versuchen können, oder?

Vielleicht ist ja was interessantes zum Diskutieren dabei.
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Re: Endspiele aus einem Jugendkampf

Beitragvon stoppelhoppler » Sa 17. Sep 2011, 20:41

#1: verlorener Mannschaftskampf, fehlende Motivation, 400-Elopunkte Rückstand ...

Das als Weißer remis zu geben ist unverständlich. Verständlich wäre verlorener Kampf, späte Uhrzeit und letzte Bahn oder Bus, dringender Wunsch der anderen Mitspieler, sobald wie möglich aufzubrechen, oder der Weißspieler ist eigentlich ein Würfelspieler und hat die Stellung nur zufällig und glücklich erreicht.
Wann steht man schon einmal recht gefahrlos besser und kann etwas lernen und ausprobieren?

Zur Stellung: Eine schwarze Schwäche (=Wenigerbauer) ist zum Gewinn vermutlich zu dünn. Da noch einige Bauern auf dem Brett sind, sollte Weiß über gewissse Chancen verfügen, obwohl die Situation auf einer Seite sicherlich den Verteidiger begünstigt. Meine erste Idee ist g3-g4, um zumindest einen Bauern des Gegners auf Schwarz festzulegen.
Ob es zum gewinn reicht oder ein Gewinn überhaupt möglich ist: Ich weiß es nicht. Deshalb würde ich es aber sicherlich spielen.
Ergibt Erfahrung und Analysestoff.

#2: Der sK kann mit Tb2 abgeschnitten werden, so daß die Grundverteidigung im Sinne Philidors nicht zu erreichen ist.
Der sK steht aber für die seitliche Verteidigung gegen einen Läuferbauern bereits ideal auf der kurzen Seite. Schwarz dürfte die Stellung trotz abgeschnittenen Königs remis halten können.
Wenn alle nach Hause wollten, weil es dunkel wurde, dann ist dies in einem Jugendkampf ein vernünftigerer Grund als bei #1.
Tablebases sagen Dir zu 100%, was mit der Stellung los ist und wie gespielt werden kann.

#3: Schwarz steht am Damenflügel sehr gefährdet. Weiß droht dort einen Bauern zu gewinnen und dann einen Freibauern zu erhalten. Bei einem Randbauern sieht der Springer ohnehin "alt" aus. Schwarz am Zug erhält mit Sh5-f4 und Angriff auf d3 Gegenchancen. Hier muß man sehr konkret rechnen, nix für Würfelschachspieler und nix für mich heute abend und vllt. überhaupt.

#4: siehe Chat, bei 900ern geht doch noch etwas mehr durcheinander als bei 1000+ern
Statt Strafrunden könnte man mit dem Spieler x-mal das Endspiel spielen und ihm ggf. auch Ungenauigkeiten bei seinen neuen Versuchen erläutern. Wenn er es 2mal sicher gewonnen hat, dürfte die Lektion sitzen.
Für mich beginnt es mit dem 28. Zug. Schwarz hat sich optimal hingestellt und jetzt ist der König dran. Seine Bauernzüge gehen vermutlich auch noch, sind für mich aber nicht die richtige Technik. Auch im Endspiel sollten alle starken Figuren mitspielen, wenn sie die Möglichkeit haben. Nach Ta4 war das Eingreifen des sK möglich.
Für die Schlußstellung bin jetzt so müde, wie der Jugendspieler es wohl war.
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Re: Endspiele aus einem Jugendkampf

Beitragvon linkinkev » Sa 17. Sep 2011, 21:38

Kleine Ergänzung:
Ich war Mannschaftsführer und bei mir läuft das normalerweise so ab, dass ich den Spielern, wenn sie fragen, ob sie Remis geben dürfen, ich sage: "Wenn du meinst, du kannst da nichts mehr rausholen, dann mach Remis."

Ob unsere Jugendlichen nicht genug Selbstvertrauen haben? :D
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Re: Endspiele aus einem Jugendkampf

Beitragvon stoppelhoppler » Sa 17. Sep 2011, 22:49

Selbstvertrauen kann durch Wissen und Erfahrung aufgebaut werden. Erfolge im Training und durch Ausspielen an sich.
Auch eine niederlage, bei der man sich wacker gewehrt hat und dem Gegner Schwierigkeiten machte und aufgaben stellte, kann sSelbstvertrauen schaffen. Insbesondere, wenn der Betreuer dies dem Schützling lobend aufzeigt.
In bestimmten Situationen kann es helfen, dem Spieler auch Druck zu nehmen: "Spiel einfach, keiner meckert".

Ich kenne weder Alter noch Leistungsvermögen der Spieler oder Entwicklungsgeschichte. Daraus dürften sich verschiedene Ansätze ergeben. Wenn nicht gerade bestimmte (halbe) Punkte für ein Mannschaftsziel erforderlich sind, sollten die jungen Spieler die Positionen ausspielen, bis nichts mehr geht. Sie sollen auch ruhig lernen, wann nichts mehr geht und auch ein bißchen "überlang" spielen. Dann erleben sie es selbst, welche Quote bei welchem Aufwand zu erwarten ist.

Hast Du natürlich einen Spieler, der lieber Fußball spielt und nur gnadenweise aushilft, dann sollte man vllt. zufrieden sein, wenn er mit Würfelschach ein Remisangebot erhält oder anbieten kann. Spieler, die Interesse am Schach haben, sollten ermutigt werden ihr Leistungsvermögen nach oben zu erweitern (=Weiterspielen).
Natürlich muß man auch einkalkulieren, wer wann dann weint und wie zu trösten ist, wenn es schiefgeht.
Kritik sollte auch positive Aspekte bei Fehlern einfelchten, z. B.: Hier hattest Du eine interessante Idee, aber hast Du dabei auch an die Schwäche x gedacht?
Bei gefestigteren und erfahreneren Spielern kann man offener die Schwachstellen im Spiel ansprechen.
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Re: Endspiele aus einem Jugendkampf

Beitragvon linkinkev » Sa 17. Sep 2011, 23:25

Hintergrund der Spieler:
:
#1: Ein 14-jähriger, der aber vom Gemüt und der Spielanlage ein sehr ruhiger Spieler ist. In der Partie hat er nur selten die 4. Reihe betreten. Auch weil der Mannschaftskampf schon verloren war und es die vorletzte Partie war, passt das Remis schon...

#2: Ein 16-jähriger, der erst recht spät mit Schach angefangen hat. Generell sehr hibbelig, spielt aus dem Bauch heraus und hat schon öfter gewonnene oder remisliche Stellungen einzügig weggeschmissen. (Ich war schon froh, dass er in diese sichere Stellung abgewickelt hat, nachdem zwischendurch mal Matt gedroht hatte) Schach steht hier eher weniger an erster Stelle; das kommt eher durch die Eltern => Remis in Ordnung, auch da keiner mehr wirkliche Lust hatte...

#3: Ein 8-jähriger, eins der größeren Talente, dass ich bisher beobachten durfte. Spielt seinen Stiefel runter, hat mich auch nicht gefragt, ob er Remis machen darf, sondern konzentriert sich einfach auf die Partie. Erste beendete Partie, nach dem Partieverlauf (erst Figur mehr, dann Qualle weniger, dann 2 Bauern für Qualle) find ich das Remis auch in Ordnung...

#4: Ein 15-jähriger, der von der Spielanlage ein großes Talent ist. In fast jeder Partie erspielt er sich (materiellen) Vorteil und oft genug schmeißt er diesen wieder weg. So kam es z.B. letzte Saison, dass er in allen Partien gut stand und dann doch 0/5 holte. Wahrscheinlich ein wenig verunsichert, wollte er zumindest den halben Punkt absichern.
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Re: Endspiele aus einem Jugendkampf

Beitragvon stoppelhoppler » So 18. Sep 2011, 09:09

stoppelhoppler hat geschrieben:...
Ich kenne weder Alter noch Leistungsvermögen der Spieler oder Entwicklungsgeschichte. Daraus dürften sich verschiedene Ansätze ergeben...

Hiermit wollte ich zum Ausdruck bringen, daß die Faktoren und Instrumente der Standortbestimmung und der Verbeserungsmöglichkeiten sehr unterschiedlich sein können.

Ich wollte weniger eine forenoffene Analyse der Spieler und ihres Schachstils anregen, da dies sicherlich besser im Trainingskreis im Verein aufgehoben ist. Es gehört schon eine gefestigtere Persönlichkeit und Freiwilligkeit dazu, wenn man seine eigene Spielweise im Internet zur Analyse freigibt. Bei Fremdpartien von "Schülern" ist sicher etwas Zurückhaltung angebracht, da schnell Mißverständnisse auftauchen können.
Sorry, daß mir dieser Aspekt nicht schon gestern abend aufgefallen ist. Er wurde mir erst klar, als ich die Kurzporträts las.

Die von Dir gezeigten Partieausschnitte und Hintergründe geben dem Trainer-, Betreuerteam genügend Material für Verbesserungsansätze und Schwerpunktbestimmungen auch ohne zusätzliche "Weisheiten" von Forenusern.
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