Sonntag beim Mannschaftsspiel:
Ich hatte Weiß (was in dieser Stellung gut ist) und nur noch geschätzte 3 Minuten für 5 Züge (was in den nächsten Zügen zu einem Problem wurde. -- Wir spielten mit einer mechanischen Uhr - seit September habe ich fast nur noch mit DGT-Uhren gespielt, ich liebe inzwischen die sekundengenaue Anzeige, die ist bei meinem Zeitverbrauch echt beruhigend) und hatte zuletzt 35.Dc5 gezogen, mit der Idee 36.De5 und Damentausch (Prinzip: in Zeitnot vereinfachen! - das Turmendspiel schätzte ich gewinnbar für Weiß ein), falls Schwarz nicht auf d4 nimmt.
Schwarz hatte schon in den vorhergehenden Zügen den möglichen Abtausch von d4 gegen c6 mit Übergang ins Turmendspiel verschmäht. Seine Absicht war, die Schwerfiguren auf dem Brett zu halten und irgendwie aktives Gegenspiel zu suchen - aus mannschaftstaktischen Gründen spielten wir beide auf Sieg. Außerdem kalkulierte er auf meine Zeitnot und spielte schneller als notwendig (zu diesem Zeitpunkt hatte Schwarz noch mehr als 20 Minuten, nach dem 40. Zug noch 15 Minuten auf der Uhr).
35... De6 Das brachte mich leicht aus dem Konzept - warum nur? Natürlich ist 36.De5+ jetzt möglich und sollte zum Gewinn reichen, aber hier waren die Finger schneller als der Kopf, und bevor ich so weit gedacht hatte, hatte ich schon sicherheitshalber die Dame zurückgezogen:
36.Dc3 - auch mit der Überlegung, auf ein Damenschach jetzt mit 37.Df3 und Damentausch antworten zu können.
36...Dd5+ 37.Df3 Dxf3+ 38.Kxf3 Txd4 39.Txc6 und dann befürchtete ich, dass Schwarz irgendwie einen von meinen Damenflügelbauern herausschlagen kann, was mir nicht gefiel, auch wenn ich dafür seinen b5 bekommen sollte. Ist das Endspiel mit einem Mehrbauern auf b oder a und dem Turm vor dem Freibauern gewonnen oder ist es remisverdächtig? Mir fehlte die Zeit, um auf diese Frage zu antworten, also kein Damentausch, sondern noch ein schneller "Sicherheits-Rückzug":
37.Kg1 Te6 mit Drohungen auf der Grundlinie. Unangenehm. Hat Weiß hier überhaupt noch einen Vorteil? Keine Ahnung, jedenfalls machte ich hier einen Zug, der möglichst wenig an der Stellung ändert (Zeitnot!):
38.Tc8 Das scheint sogar einer der besten Züge zu sein, die Weiß in dieser Stellung noch hat.
38... f6?! Ein Nebeneffekt von 38.Tc8 war, dass der seit 10 Zügen gefesselte Bauer f7 nun beweglich wurde. Was aber kein objektiver Grund war, ihn sofort vorzuziehen ... Jetzt fehlt dem schwarzen König die Deckung. Mein Adrenalinpegel ging schlagartig nach oben.
39.Tc7+ Fritz empfiehlt 39.Da5 mit der Drohung, dass die weiße Dame in die schwarze Stellung "einsteigt". Aber bei plus/minus 1 Minute auf der Uhr habe ich nicht soweit "um die Ecke" gedacht. Mein Plan war konkret: Schach geben - Zeitkontrolle schaffen - Stellung ansehen - und zwar in dieser und keiner anderen Reihenfolge.
39... Kh6??! Auf der 8. Reihe steht der König sicherer, auch wenn die schwarzen Figuren dann ihre aktive Position aufgeben und zur Deckung des Königs zurück gehen müssen. Jetzt wird es eng für den Herrn.
40.Dc1+ Uff! Zeitkontrolle geschafft (mit knapp 1 Minute auf der Uhr, also doch noch reichlich), Stellung saniert. - Fast gleichzeitig gewannen die Mannschaftskollegen rechts und links von mir ihre Partien, was bedeutete, dass ein Remis für die Mannschaft ausreichen würde. Aber diese Stellung wollte ich auch gewinnen.
40... g5 41.Db1+ Mit Blick nach h7. Jetzt scheint 41...Te4 schon die beste Verteidigung; Weiß kann die Fesselung des Turms nicht mit 42.f3 ausnutzen wegen 42...Dd6! (was ich noch nicht sah, als ich Db1 zog). 42.hxg5 fxg5 43.Td7 (43.Kh2! Dxd4 44.Dc2!) 43... De6 44.Td6 Dxd6 45.Dxe4 ist allerdings auch vorteilhaft für Weiß. - Schwarz misstraute aber der Fesselung und wählte den schwächeren Zug:
41... f5 42.Dc1 Tg6 42... f4 hätte noch ein paar Komplikationen ermöglicht; nach dem Turmzug wird der Rest einfach:
43.hxg5+ Txg5 44.Dxc6+ Fritz bevorzugt 44.Txc6+ Kh7 45.Dxg5 Dxc6 46.Dxf5+. Das Damenendspiel ist total gewonnen, Weiß braucht ca. 7 Züge um einen Bauern bis zur Umwandlung zu bringen. Ich bevorzugte aber den Damentausch, denn das Turmendspiel ist simpel gewonnen, das geht ohne groß nachzudenken. Es war eine effiziente Entscheidung, mein Gegner gab 6 Züge später auf.
44... Dxc6 45.Txc6+ Kg7 46.Tc5 h4 47.Kh2 hxg3 48.fxg3 Tg4 49.Txb5 (49.Txf5?! b4) 49... Txd4 50.Tb6 1-0
Und 4,5 - 2,5 für die Mannschaft; die letzte noch laufende Partie wurde gleich danach Remis gegeben, und wenige Minuten später ging es auf ins Schneegestöber, die Heimfahrt war schließlich auch noch ein kleines Abenteuer.
