Riddlers Turnierpartien

Hier könnt ihr Eure Partien vorstellen und diskutieren.

Riddlers Turnierpartien

Beitragvon Riddler » Di 18. Aug 2009, 12:55

Diese Partie habe ich in der letzten Saison in einem Mannschaftskampf gespielt. Ich poste sie hier weniger wegen des schachlichen Inhalts, sondern vielmehr weil die psychologischen Begleitumstände recht interessant sind. In der Nachbetrachtung ist diese Partie ein Musterbeispiel dafür, wie sich Spielstärkenunterschiede auf die Wahrnehmung und das Verhalten auf dem Schachbrett auswirken.

Turniersituation:
Unsere Mannschaft spielte gegen einen übermächtigen Gegner, der eigentlich für diese Spielklasse zu stark ist. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund aber möchte diese Mannschaft nicht aufsteigen. Wir hatten an allen Brettern einen deutlichen DWZ Nachteil von etwa 100 bis 300 Punkten zu verkraften. Entsprechend gering war unsere Motivation zu Beginn des Kampfes. Ich spielte an Brett 2 und mein Gegner brachte immerhin 230 DWZ mehr auf die Waage. Mein Ziel in der Partie war, betont sicher zu spielen, nicht zu früh unterzugehen und mit viel Grlück vielleicht ein Remis zu klammern.



[Event "MM01"]
[Site "s2"]
[Date "2009.03.15"]
[Round "?"]
[White "Riddler"]
[Black "NN"]
[Result "1-0"]
[ECO "B07"]
[WhiteElo "-"]
[BlackElo "-"]
[Annotator "Fritz 10 (30s)"]
[PlyCount "77"]

1. e4 Nf6 {Eeek! Das hatte ich überhaupt
nicht auf dem Radar. Und das am Sonntagmorgen bei unzureichendem Koffeinpegel!
Meine letzte Aljechin-Turnierpartie habe ich noch zu Zeiten des kalten Krieges
gespielt. Und entsprechend hatte ich auch keine Lust, mich in irgendeiner
Theorievariante an die Wand spielen zu lassen. Gegen gleichsstarte oder
schwächere Gegner hätte ich bedenkenlos 2. e5 gespielt. Hier jedoch sah ich
mich zu 2. Sc3 genötigt. Schlimmstenfalls wird es dann Wiener Partie und da
kenne ich mich zumindest etwas aus.} 2. Nc3 d6 3. d4 g6 {So ist es nun auf
Umwegen Pirc geworden. "Gut, damit kann ich leben", dachte ich. Zumindest kann
ich mir sicher sein, bei Pirc nicht in 15 Zügen an überspielt zu werden. (...
seht ihr das Denkmuster?)} 4. Be2 Bg7 5. h4 {Mein Standardplan gegen Pirc.
Aufbauten mit f4 erschienen mir zu riskant (!). So muss Schwarz zumindest auf
die Drohung h5 reagieren und viele Pirc-Spieler wollen mit einer Bauernsruktur
f7-g6-h5 nicht mehr kurz rochieren.} h5 6. Be3 {Leitet einen weiteren
Standardplan ein: Dd2, Lh6. Wie sagte doch irgendein Altmeister immer über
Fianchettostellungen: "Die Eidechs' (=der Lg7), die muss weg!".} c6 7. Qd2 b5 {
Hier dachte ich während der Partie etwas in der Art von: "Wow! Gefahr im
Verzug! Nun kann ich schlecht lang rochieren, weil er mir dann mit seinen
ganzen Bauern den A**** am Damenflügel aufreißt. Hätte ich mal auf 5. h4
verzichtet, dann hätte ich wenigstens noch die Option gehabt, kurz zurochieren.
Ich darf ihn auf alle Fälle nicht zu b4 kommen lassen."} 8. a3 a6 {In der gemei
nsamen post-mortem Analyse wurde dieser Zug von uns als tempoverlust für
Schwarz identifiziert. Natürlich möchte Schwarz über kukrz oder lang c5
durchsetzen, aber so der ein oder andere Entwicklungszug wäre vielleicht doch
nicht gänzlich falsch gewesen.} 9. Bf3 {
"Verhindert c5... yay! Naja. Zunächst halt."} Qc7 10. Nge2 Bg4 {Das hat mich
am Brett doch überrascht. Gegen den Abtausch der weißfeldrigen Läufer hatte
ich nichts einzuwenden, zumal ich gerne Stellungen mit "zusammengeklumpten"
Bauern wie d4, e4, f3, f2 spiele.} 11. O-O-O {Fritz sagt übrigens an dieser
Stelle, dass Weiß "eine aktive Stellung" hat und gibt als Variante dies an:} (
11. Bxg4 !? {sieht gut aus} Nxg4 12. Bg5) 11... Bxf3 12. gxf3 a5 13. Nb1 (
13. e5 !? b4 14. exf6 bxc3 15. Nxc3 Bxf6 16. Ne4 $11) 13... Na6 {Ich wusste
nicht recht, was ich von dem Zug halten sollte. Klar.. der schwarze Plan liegt
auf der Hand. c5, b4, öffnen irgendeiner Linie mit Angriff auf meinen König.
Mir fehlte an dieser Stelle ein Plan. f4 geht nicht wegen Sg4. Sf4 sieht ok
aus... verliert nichts und "droht" im Falle von c5, dxc5, dxc5 Sd5, wonach der
Ta8 hängt und ich nach Td8 mit Dxd8+ die Damen und einen Turm tauschen kann
(und einem Remis einen Schritt näher wäre).} 14. Nf4 c5 {
"Jetzt hängt b4 in der Luft" (Fritz 10) "No shit, Sherlock!" (Riddler)} 15.
Qe2
{Irgendetwas hat mich an dieser Stelle von meinen ursprünglich geplanten
dxc5 abgehalten. Vermutlich war es die Verlockung, einen ungedeckten Bauern
angreifen zu können. Auf b4 ist nun Db5 unangenehm für Schwarz. Auf Tb8 geht
a4. Zum ersten Mal in der Partie fühlte ich mich wohl und hielt die Stellung
für ausgeglichen.} c4 16. Nc3 (16. Rhg1 Rc8 $14) 16... b4 17. Nb5 Qb7 {
Mein Gegner meinte nach der Partie, dass er hier zunächst Dc6 und in der Folge
Tc8 geplant hätte, dann aber Sa7 gesehen hat. Hätte er das vorher gesehen,
dann hätte er Sb5 nicht zugelassen.} 18. a4 Rc8 19. e5 {Der Vorstoß hing die
ganze Zeit über latent in der Luft. Nun kommen diverse taktische Drohungen
rund um das Thema d6 mit ins Spiel. Schwarz verliert forciert einen Bauern und
die Stellung bricht zusammen.} Nd5 20. Nxd5 Qxd5 21. exd6 e6 {"So... das wäre
geschafft. Das sollte mindestens fürs Remis reichen.", dachte ich an dieser
Stelle IMMER NOCH!!!} 22. Bf4 Bh6 23. Bxh6 Rxh6 24. Qe4 {Dies ist der Moment,
an dem ich mir sicher war, die Partie zu gewinnen. (...und es herrschte Freude
und heitere Gelassenheit...)} Qxe4 25. fxe4 f6 26. f4 Kd7 27. e5 f5 28. Rhg1
Rg8 29. Rge1
{Ab diesem Zeitpunkt möchte Fritz in den nächsten 83 Zügen d5
gespielt wissen. Mit diesem Zug hatte ich mich am Brett auch eine zeitlang
beschäftigt, ihn dann aber verworfen, weil ich den mattgesetzten Springer auf
a6 nicht ins Spiel kommen lassen wollte. Mein Gegner befand sich hier bereits
in Zeitnot, so dass ich keine Veranlassung sah, seine Figuren zu aktivieren.}
Rh7 30. Re2 Rhg7 31. Kd2 Rc8 32. Ke3 Rcg8 33. Rg2 Rc8 34. Rdg1 Rcg8 35. b3 {
Macht dem König das feld c4 zugänglich, so dass er über c4, b6 eindrinen kann.}
c3 36. Kd3 Kc6 37. Kc4 Kd7 38. Na7 Ra8 {
...erlaubt einen netten taktischen Trick zum Abschluss. Denn nach:} 39. Rxg6 {
...ist die Partie gelaufen. An dieser Stelle überschritt mein Gegner die Zeit.}
1-0

...den Mannschaftskampf haben wir auch noch gewonnen. :shock:
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Re: Riddlers Turnierpartien

Beitragvon Jupp53 » Di 18. Aug 2009, 18:19

Im Grunde hast Du alles richtig gemacht, wenn auch mit der falschen Begründung. Die meisten Partien werden durch Fehler gewonnen und der stärkere Spieler soll nicht angreifen, sondern auf die Fehler des Partners warten. Das hat imo Dein Gegner nicht ausgehalten, sondern seine Stellung durch eine Mischung aus Abwarten und Pseudoaktivität = unnötige Bauernzüge ruiniert.

Das Fritz für d5 plädiert ist wohl nachzuvollziehen. Er denkt halt über die Stellung und nicht über Bedenkzeitmanagement nach. :D
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Re: Riddlers Turnierpartien

Beitragvon elvis » Di 18. Aug 2009, 23:27

Ich denke, der schwarze Fehler lag weniger in den Bauernzügen als darin, dass er Sb5 zugelassen und den Springer dort belassen hat. Der Sb5 ist für die schwarze Aktivität am Damenflügel extrem störend; da würde ich als Schwarzer schon erwägen, Turm gegen Springer und Bauer zu opfern um auf der Seite weiterzukommen. (Nach der Materialreduzierung in 19.-25. Zug ist das natürlich nicht mehr drin, da muss man vorher ansetzen, schon im 17.-18. Zug nach Alternativen suchen.)

Die Idee von d5 ist vermutlich, dass Weiß sich einen zweiten Freibauern im Zentrum verschafft und durchmarschiert. Das schwarze Gegenspiel sollte dann zu langsam sein.
Das ist keine Frage von Bedenkzeit, das geht eher darum ob man forciert den schnelleren Gewinn anstrebt oder einen langsameren, aber sicheren Weg bevorzugt.
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Re: Riddlers Turnierpartien

Beitragvon Jupp53 » Mi 19. Aug 2009, 09:41

@Elvis:

Anstelle 29. Teg1 erscheint mir 29.d5 tatsächlich schneller. 37. - Kd7 verdient in Verluststellung nochmal ein ?. 37. - Sb8 wäre zumindest zäher.

Die Idee mit dem Qualitätsopfer verlangt dann allerdings auch mal irgendwann die Entwicklung des Steins auf h8. Bei dem Gedanken daran erscheinen mir die schwarzen Bauernzüge am Damenflügel in der Partiekonstellation eher als Schwächung in der Gegend rumzustehen. Der weiße Angriff im Zentrum war hier auf jeden Fall die richtige Reaktion.
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Re: Riddlers Turnierpartien

Beitragvon Riddler » Mi 19. Aug 2009, 17:29

nach 37. ... Sb8 kommt doch aber 38. Sc7 +-

..oder?
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Re: Riddlers Turnierpartien

Beitragvon Jupp53 » Mi 19. Aug 2009, 18:39

Jau. Gefolgt von Kd7 und Weiß spielt d5. Das ist dann immer das Thema mit den zwei verbundenen Freibauern. Und es ist von Weiß richtig, nichts zu überstürzen.
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Re: Riddlers Turnierpartien

Beitragvon Riddler » Do 5. Nov 2009, 12:59

Was zum rechnen....

Diese Stellung hatte ich kürzlich in einer Partie auf dem Brett. Ich spielte Weiß und die Stellung ist offensichtlich besser für mich. Schwarz hatte zuletzt Dc7-d8 gespielt, um den lästigen Eindringling auf f6 zu befragen. Natürlich springt an dieser Stelle sofort eine taktische Lösung ins Auge, mit der ich mich auch am Brett einige Zeit lang beschäftigt hatte. Allerdings habe ich nicht tief genug gerechnet, anders fortgesetzt... und die Partie schließlich noch zum Remis verdorben. O_o

Findet jemand von Euch die Lösung "vom Blatt"?

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Re: Riddlers Turnierpartien

Beitragvon TheKillerGrob » Do 5. Nov 2009, 18:41

Wenn ich mir das mal so grob anschaue, sieht folgendes nicht übel aus:
Txe6+ fxe6 Dxe6+! Kf8 Dxg6 Kf8 Te1 Dd7 Te6
1.g4 Forever!
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Re: Riddlers Turnierpartien

Beitragvon Riddler » Do 5. Nov 2009, 19:02

Nach

1. Txe6+ fxe6
2. Dxe6+ kommt aber nicht Kf8 sondern Se7 und Schwarz lebt noch.
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Re: Riddlers Turnierpartien

Beitragvon elvis » Do 5. Nov 2009, 19:53

Klar, wenn man schon reinschlägt, dann korrekt:
1.Txe6+ fxe6 2.Dxg6+ Kf8 (2...Ke7 ist vermutlich schlechter für Schwarz) 3.Te1 (Verstärkung heranholen, die Dame allein kann den Angriff nicht gewinnen)

Weiß steht danach auf jeden Fall besser. Der schwarze e-Bauer fällt, und wenn zwei weiße Schwerfiguren auf der 6. Reihe stehen, wird es schwierig, eine schwarze Verteidigung zu finden. Die schwarzen Figuren stehen schlecht koordiniert. Aber es ist noch nicht ganz vorbei.
Aus schwarzer Sicht würde ich wahrscheinlich versuchen, die Schwerfiguren auf der 7. Reihe zu plazieren. Ein Turm- oder Damentausch kommt Schwarz eher entgegen - im Moment noch. Wenn Weiß allerdings weitere Bauern abgrasen kann, kann er irgendwann tauschen und behält ein gewonnenes Endspiel.
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