Turniersituation:
Unsere Mannschaft spielte gegen einen übermächtigen Gegner, der eigentlich für diese Spielklasse zu stark ist. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund aber möchte diese Mannschaft nicht aufsteigen. Wir hatten an allen Brettern einen deutlichen DWZ Nachteil von etwa 100 bis 300 Punkten zu verkraften. Entsprechend gering war unsere Motivation zu Beginn des Kampfes. Ich spielte an Brett 2 und mein Gegner brachte immerhin 230 DWZ mehr auf die Waage. Mein Ziel in der Partie war, betont sicher zu spielen, nicht zu früh unterzugehen und mit viel Grlück vielleicht ein Remis zu klammern.
[Event "MM01"]
[Site "s2"]
[Date "2009.03.15"]
[Round "?"]
[White "Riddler"]
[Black "NN"]
[Result "1-0"]
[ECO "B07"]
[WhiteElo "-"]
[BlackElo "-"]
[Annotator "Fritz 10 (30s)"]
[PlyCount "77"]
1. e4 Nf6 {Eeek! Das hatte ich überhaupt
nicht auf dem Radar. Und das am Sonntagmorgen bei unzureichendem Koffeinpegel!
Meine letzte Aljechin-Turnierpartie habe ich noch zu Zeiten des kalten Krieges
gespielt. Und entsprechend hatte ich auch keine Lust, mich in irgendeiner
Theorievariante an die Wand spielen zu lassen. Gegen gleichsstarte oder
schwächere Gegner hätte ich bedenkenlos 2. e5 gespielt. Hier jedoch sah ich
mich zu 2. Sc3 genötigt. Schlimmstenfalls wird es dann Wiener Partie und da
kenne ich mich zumindest etwas aus.} 2. Nc3 d6 3. d4 g6 {So ist es nun auf
Umwegen Pirc geworden. "Gut, damit kann ich leben", dachte ich. Zumindest kann
ich mir sicher sein, bei Pirc nicht in 15 Zügen an überspielt zu werden. (...
seht ihr das Denkmuster?)} 4. Be2 Bg7 5. h4 {Mein Standardplan gegen Pirc.
Aufbauten mit f4 erschienen mir zu riskant (!). So muss Schwarz zumindest auf
die Drohung h5 reagieren und viele Pirc-Spieler wollen mit einer Bauernsruktur
f7-g6-h5 nicht mehr kurz rochieren.} h5 6. Be3 {Leitet einen weiteren
Standardplan ein: Dd2, Lh6. Wie sagte doch irgendein Altmeister immer über
Fianchettostellungen: "Die Eidechs' (=der Lg7), die muss weg!".} c6 7. Qd2 b5 {
Hier dachte ich während der Partie etwas in der Art von: "Wow! Gefahr im
Verzug! Nun kann ich schlecht lang rochieren, weil er mir dann mit seinen
ganzen Bauern den A**** am Damenflügel aufreißt. Hätte ich mal auf 5. h4
verzichtet, dann hätte ich wenigstens noch die Option gehabt, kurz zurochieren.
Ich darf ihn auf alle Fälle nicht zu b4 kommen lassen."} 8. a3 a6 {In der gemei
nsamen post-mortem Analyse wurde dieser Zug von uns als tempoverlust für
Schwarz identifiziert. Natürlich möchte Schwarz über kukrz oder lang c5
durchsetzen, aber so der ein oder andere Entwicklungszug wäre vielleicht doch
nicht gänzlich falsch gewesen.} 9. Bf3 {
"Verhindert c5... yay! Naja. Zunächst halt."} Qc7 10. Nge2 Bg4 {Das hat mich
am Brett doch überrascht. Gegen den Abtausch der weißfeldrigen Läufer hatte
ich nichts einzuwenden, zumal ich gerne Stellungen mit "zusammengeklumpten"
Bauern wie d4, e4, f3, f2 spiele.} 11. O-O-O {Fritz sagt übrigens an dieser
Stelle, dass Weiß "eine aktive Stellung" hat und gibt als Variante dies an:} (
11. Bxg4 !? {sieht gut aus} Nxg4 12. Bg5) 11... Bxf3 12. gxf3 a5 13. Nb1 (
13. e5 !? b4 14. exf6 bxc3 15. Nxc3 Bxf6 16. Ne4 $11) 13... Na6 {Ich wusste
nicht recht, was ich von dem Zug halten sollte. Klar.. der schwarze Plan liegt
auf der Hand. c5, b4, öffnen irgendeiner Linie mit Angriff auf meinen König.
Mir fehlte an dieser Stelle ein Plan. f4 geht nicht wegen Sg4. Sf4 sieht ok
aus... verliert nichts und "droht" im Falle von c5, dxc5, dxc5 Sd5, wonach der
Ta8 hängt und ich nach Td8 mit Dxd8+ die Damen und einen Turm tauschen kann
(und einem Remis einen Schritt näher wäre).} 14. Nf4 c5 {
"Jetzt hängt b4 in der Luft" (Fritz 10) "No shit, Sherlock!" (Riddler)} 15.
Qe2 {Irgendetwas hat mich an dieser Stelle von meinen ursprünglich geplanten
dxc5 abgehalten. Vermutlich war es die Verlockung, einen ungedeckten Bauern
angreifen zu können. Auf b4 ist nun Db5 unangenehm für Schwarz. Auf Tb8 geht
a4. Zum ersten Mal in der Partie fühlte ich mich wohl und hielt die Stellung
für ausgeglichen.} c4 16. Nc3 (16. Rhg1 Rc8 $14) 16... b4 17. Nb5 Qb7 {
Mein Gegner meinte nach der Partie, dass er hier zunächst Dc6 und in der Folge
Tc8 geplant hätte, dann aber Sa7 gesehen hat. Hätte er das vorher gesehen,
dann hätte er Sb5 nicht zugelassen.} 18. a4 Rc8 19. e5 {Der Vorstoß hing die
ganze Zeit über latent in der Luft. Nun kommen diverse taktische Drohungen
rund um das Thema d6 mit ins Spiel. Schwarz verliert forciert einen Bauern und
die Stellung bricht zusammen.} Nd5 20. Nxd5 Qxd5 21. exd6 e6 {"So... das wäre
geschafft. Das sollte mindestens fürs Remis reichen.", dachte ich an dieser
Stelle IMMER NOCH!!!} 22. Bf4 Bh6 23. Bxh6 Rxh6 24. Qe4 {Dies ist der Moment,
an dem ich mir sicher war, die Partie zu gewinnen. (...und es herrschte Freude
und heitere Gelassenheit...)} Qxe4 25. fxe4 f6 26. f4 Kd7 27. e5 f5 28. Rhg1
Rg8 29. Rge1 {Ab diesem Zeitpunkt möchte Fritz in den nächsten 83 Zügen d5
gespielt wissen. Mit diesem Zug hatte ich mich am Brett auch eine zeitlang
beschäftigt, ihn dann aber verworfen, weil ich den mattgesetzten Springer auf
a6 nicht ins Spiel kommen lassen wollte. Mein Gegner befand sich hier bereits
in Zeitnot, so dass ich keine Veranlassung sah, seine Figuren zu aktivieren.}
Rh7 30. Re2 Rhg7 31. Kd2 Rc8 32. Ke3 Rcg8 33. Rg2 Rc8 34. Rdg1 Rcg8 35. b3 {
Macht dem König das feld c4 zugänglich, so dass er über c4, b6 eindrinen kann.}
c3 36. Kd3 Kc6 37. Kc4 Kd7 38. Na7 Ra8 {
...erlaubt einen netten taktischen Trick zum Abschluss. Denn nach:} 39. Rxg6 {
...ist die Partie gelaufen. An dieser Stelle überschritt mein Gegner die Zeit.}
1-0
...den Mannschaftskampf haben wir auch noch gewonnen.
