Die Eröffnung ist in der Tat harmlos. Nach 6 Zügen hat Schwarz Ausgleich. Das ist aber egal, weil auf unserem Niveau Partien normalerweise nicht in der Eröffnung, sondern im Mittelspiel entschieden werden.
Was mich zum ersten Kritikpunkt bringt: Du machst dir in deinem Kommentar viele Gedanken um normale Eröffnungs- bzw. Entwicklungszüge. Der Aufwand, den du darauf verwendest, könnte anderswo fehlen.
Zweitens:
"5. Lf4 - wenn mein Gegner nicht 4. ... Ld6 spielt, kommt immer der Läufer auf diese Diagonale." Das scheint mir zu schematisch. Was macht der Läufer auf dieser Diagonale? In dieser Partie lange Zeit nichts (er verhindert nicht mal, dass Schwarz doch noch Ld6 spielen und den Läufertausch anstreben kann). Das erste, was der Lf4 hier "bewirkt", ist, dass er mit 22...Dg4 angegriffen wird, und das nächste ist, dass du ihn widerwillig abtauschst. Also, Hausaufgabe: Mach dir Gedanken darüber, weshalb dein Läufer auf f4 gut steht und was er aktiv (bzw. bei Bedarf als Verteidigungsfigur) bewirken kann.
"9. ... Le6 - halte ich für fragwürdig, den Läufer über g4-h5-g6 abtauschen sollte stärker sein." Dem würde ich nicht ohne weiteres zustimmen. Das Manöver Lg4-h5-g6 kostet drei Tempi und Schwarz nimmt einen Doppelbauer am Königsflügel in Kauf, um den Ld3 abzutauschen. Ist das soviel Wert? Oder anders gesagt, ist der Ld3 so gefährlich? Natürlich hat Weiß die Standard-Drohungen auf h7/g6, aber denen kann Schwarz begegnen. - Hausaufgabe (optional): Welchen Vorteil aus schwarzer Sicht hat 9...Lg4 10.f3 Lh5 11.Sg3 Lg6 12.Lxg6 fxg6 (oder ...hxg6) gegenüber 9...Le6?
"11. Sf5 - nimmt dem Gegner das Läuferpaar" "18. Ld3 - Das Läuferpaar will ich um jeden Preis behalten." Das wirkt, jedenfalls in dieser Kurzform, wiederum zu schematisch. Also, noch eine Hausaufgabe: Welchen Wert hat das Läuferpaar konkret in dieser Stellung? Was kannst bzw. willst du damit anfangen? Und welchen Vorteil beziehst du daraus, dass dein Gegner kein Läuferpaar mehr hat?
"21. h4 - da eigentlich alle Figuren schon am Königsflügel postiert sind, dachte ich es wird Zeit für einen Bauernhebel." Das war vielleicht übereilt. Schwarz kann mit 21...Sfe4 oder 21...Dg4 antworten und dabei den Umstand ausnutzen, das h4 ungedeckt ist. (Was nicht heißt, dass h4 in jeder Variante geschlagen werden kann. 21...Dg4 22.Dc1 Dxh4? (korrekt wäre 22...Lf8) 23.Lg5 Dg4 24.Txe7 Txe7 25.Lxf6 +/-.)
"22. ... Dg4 - diesen Zug hatte ich völlig übersehen, und als er kam war ich mir meines Vorteils nicht mehr sicher, da 2 Figuren hingen. Mir fiel nichts besseres ein, also: 23. Lxd6" Besser war (und das müsste dir der PC auch ausspucken) 23.Lg5! Mit dreifachem Effekt: Der Lf4 hängt nicht mehr, h4 ist gedeckt, und der Lg6 kann nicht geschlagen werden - das der nicht wirklich "hängt", war dir doch schon klar, als du auf g6 genommen hast. (23...fxg6? 24.Dxg6+ Kh8 25.Txe7 Txe7 26.Lxf6+). Auch bei bester Verteidigung kommt Schwarz nicht ohne Materialverlust aus der Affäre, zwei Bauern sind das Minimum, was du gewinnst.
Der Knackpunkt ist vermutlich, dass du von Dg4 überrascht wurdest und vor Schreck nicht alle Möglichkeiten geprüft, sondern zu schnell und falsch reagiert hast. - In unserem Bezirks-Mitteilungsblatt hat der Vorsitzende in seiner großen Weisheit die letzten freien Seiten genutzt, um verschiedene Trainigsmaterialien abzudrucken, darunter ein paar allgemeine Ratschläge, von denen einer hier passt:
Was mache ich, wenn der Gegner einen überraschend (scheinbar?) starken Zug spielt?
Oft entscheidet nicht der erste, sondern der zweite und dritte Fehler. Nach einer Überraschung gilt es daher, zuerst wieder Ruhe zu gewinnen. Also, sofern die Zeit das zulässt: Sauerstoff tanken! Abstand zur Partie gewinnen! UND Keinesfalls sofort ziehen!
"In der Endstellung sah ich mich eher im Nachteil" Das würde ich auch so sehen, wobei 29.Df2 den Unterschied zwischen einem minimalen Vorteil und einem minimalen Nachteil ausmacht. Nach 29.Df2 hast du keine aktiven Möglichkeiten mehr.