Moin,
beim Durchforsten meiner alten Partieformulare bin ich auf eine Partie gestoßen, die ich vor gut 20 Jahren im Rahmen der Vereinsmeisterschaft meines damaligen Vereins gespielt habe und die mir, zumindest endspieltechnisch, in allerbester Erinnerung geblieben ist.
Die Diagrammstellung ist die Abbruchstellung nach dem 41. Zug von Weiß, die Partie ging also irgendwann (in der Tat lagen einige Wochen zwischen Abbruch und Fortsetzung) mit meinem Abgabezug, dem durchaus nahe liegenden 41. ...f7xe6, weiter.
Mein Gegner war der damals beste Spieler aus meinem Verein, und die gesamte Partie stand ich mit dem Rücken zur Wand und war am Klammern - es war nur eine hässliche Abwehrschlacht, die ich auch hätte verlieren müssen, denn vom 35. bis 41. Zug ließ mein Gegner mehrmals Gewinnzüge aus. Ob er in Zeitnot war, weiß ich jetzt nicht mehr, ich war es aber auf jeden Fall.
So war ich dann auch froh, überhaupt zur Zeitkontrolle überhaupt noch halbwegs im Geschäft gewesen zu sein und die Diagrammstellung erreicht zu haben, in der ich mir ganz spontan ausschließlich Hoffnungen auf ein Remis (denn mehr wollte ich ja seit dem ersten Zug überhaupt nicht haben) gemacht habe.
Also begann ich die Stellung zunächst nur "im Remissinne" (unter Zuhilfenahme meines schnöden alten Brettcomputers) zu analysieren, wobei ich dann tatsächlich zu der Erkenntnis kam, dass die Stellung für mich "wohl haltbar" wäre.
Aber nach und nach konnte ich immer tiefer in die Stellung eindringen und immer neuere Feinheiten entdecken, was mich dann ungläubig staunend zu der Erkenntnis kommen ließ, dass die Diagrammstellung zwingend gewonnen für Schwarz ist. Ich analysierte hin und her, aber am Resultat änderte sich nichts, obwohl es in vielen Abspielen nur an einem einzigen Tempo lag. Ich hatte den gesamten Partieverlauf nach der Wiederaufnahme bei mir schon auf dem Analysebrett gehabt, so dass ich für den Rest der Partie weniger als fünf Minuten Bedenkzeit investieren musste. Heute habe ich die Partie ab der Diagrammstellung erstmals mit einer aktuellen Schachsoftware überprüft, die mir bestätigte, dass nach der Wiederaufnahme beide Parteien jeweils die (relativ) besten Züge gespielt hatten.
Ich glaube, dass ich niemals wieder solch ein korrektes Endspiel gespielt habe und so viele Nuancen einer Stellung aufdecken konnte.
Meiner Meinung nach ist dies übrigens auch ein sehr gutes Beispiel, obwohl das jetzt ein anderes Thema wird, dass die Abschaffung von Hängepartien sehr zu Lasten der Endspieltechnik, zumindest der breiten Schachmasse, geht.
Herzliche Grüße
