Zugfolge 1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Le7 4. Lf4

Zugfolge 1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Le7 4. Lf4

Beitragvon Stratege » Mo 18. Jan 2010, 19:08

Nach 1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Le7 kam mir die Tage der an dieser Stelle für mich neue Zug 4. Lf4
aufs Brett. Für 4. cxd5 exd5 5. Lf4 war 5... c6 geplant. In der Variante 4. Sf3 Sf6 5. Lf4 hätte ich entweder sofort oder im 6. Zug c7-c5 gespielt, 4... c6 kam daher wegen 5. Sf3 nicht in Frage. Nach 4... Sf6 (spielte ich dann nach bestimmt 10 Minuten) wäre ich aber mit 5. cxd5 aus dem Plan geworfen worden. Nun kann Schwarz sich entweder auf 5... exd5 6. Db3 einlassen oder 5... Sxd5 spielen, was aber auch nicht mein Spiel ist. Ist das Repertoire da einfach nur inkonsistent?
"Die Tromp- und Colorado-Quote steigt wieder an, genauso wie die Anzahl der gekauften, aber ungelesenen Schachbücher im Schrank (das Zeichen schlechthin für einen ewigen Verlierer!)" IM Ilja Schneider auf schachzoo.twoday.net
Stratege
Administrator
 
Beiträge: 946
Registriert: Do 18. Dez 2008, 03:02
Wohnort: Münsterland
Wertungszahl: > 1600 DWZ

Re: Zugfolge 1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Le7 4. Lf4

Beitragvon Jupp53 » Mo 18. Jan 2010, 19:16

Willst Du nach 4.cxd5 im weiteren Verlauf auf Sf6 verzichten? Falls Du den Zug Sf6 nach cxd5 irgendwann spielen willst, verstehe ich das Problem nicht.
Mein Schachblog: http://patzer53.wordpress.com

Fußball ist nicht nur Dong. Es ist Ding-Dang-Dong. (G. Trappatoni)
Benutzeravatar
Jupp53
Schachprofi
 
Beiträge: 886
Registriert: Fr 19. Dez 2008, 17:16
Wertungszahl: Deine Zahl Minus 300

Re: Zugfolge 1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Le7 4. Lf4

Beitragvon Peloton » Mo 18. Jan 2010, 20:19

Der Einschub von 4. cxd5 exd5 und dann erst 5.Lf4 ergibt normalerweise andere Stellungen als in der normalen Abtauschvariante 3. Sc3 Sf6 4. cxd5 exd5 5. Lg5.
Schwarz bekommt dadurch zusätzliche Möglichkeiten. Der Lf4 drückt weniger auf d5, daher kann Schwarz sich zuerst um die Entwicklung des Damenflügels kümmern 5...c6 6.e3 Lf5 7.g4 Le6 8.h4 Sd7 um mal eine alte HV zu zeigen. Eine andere Folge des geringeren Drucks auf d5 besteht darin, schnell c7-c5 durchzudrücken, z.B.: 6 .e3 O-O 7.Ld3 c5 8.Sf3 Sc6 9.O-O Lg4.

Unterlässt Weiß den Tausch auf d5, gefällt die erste Option nicht so gut, da ja der Lc8 eingesperrt bleibt. Deshalb ist dann die zweite beliebter, also schnelles c7-c5. Wieder ein Beispiel 4. Lf4 Sf6 5.e3 O-O 6.Sf3 c5 7.dxc5 Lxc5 8.Dc2 Sc6 9.a3 Da5 10.O-O-O.

Beiden Abspielen haben eins gemeinsam: In beiden Fällen, also mit oder ohne Tausch auf d5, kann Weiß das Spiel sehr taktisch gestalten, siehe letztgenannte HV. Andererseits kommt es selten zu einem Minoritätsangriff, was der eine oder andere Schwarzspieler auch als ganz angenehm findet.
"Chess is not a game for fun!", Anna Sharevich, während sie die Finals des Weltcups kommentierte.
Working on my IM/GM-Titles I'm working as a chess coach... Orginalzitat einer Aussage eines Schachspielers mit einer DWZ <= 1730
Benutzeravatar
Peloton
Schachexperte
 
Beiträge: 430
Registriert: So 30. Aug 2009, 16:32
Wertungszahl: seit geraumer Zeit konstant 2000 +/- 30

Re: Zugfolge 1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Le7 4. Lf4

Beitragvon Stratege » Di 19. Jan 2010, 00:40

Die Db3-Variante im Eingangsbeitrag muss natürlich 1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Le7 4. cxd5 cxd5 5. Lf4 Sf6 6. e3 Lf5 Db3 lauten. Schwarz muss hier schon Sc6 spielen und Dxb7 zulassen, was ich nicht spiele, solange ich es mir nicht gründlich angeschaut habe. Mit 5... c6 an Stelle von 5... Sf6 wird die Db3-Variante ungefährlich, da einfach Db6 kommen kann. Aber in der Zugfolge mit 4. Lf4 ist 4... c6 wohl nicht so toll, weiß Weiß ja nicht tauschen muss und Schwarz einen schlechten Halbslaven spielt.

Also muss man an der Stelle einfach 4... Sf6 spielen. Nach 5. cxd4 erfolgt Sxd5 mit der Drohung, den Lf4 zu schlagen, dies ist dann wohl der kritische Zug in der Stellung?! Weiß kann hier nicht direkt e2-e4 (vgl. Semi-Tarrasch) folgen lassen. 5... exd5 6. e3 Lf5 7. Db3 führt zur Variante oben, 6... c6 erlaubt Ld3, was auch nicht toll für Schwarz ist.
"Die Tromp- und Colorado-Quote steigt wieder an, genauso wie die Anzahl der gekauften, aber ungelesenen Schachbücher im Schrank (das Zeichen schlechthin für einen ewigen Verlierer!)" IM Ilja Schneider auf schachzoo.twoday.net
Stratege
Administrator
 
Beiträge: 946
Registriert: Do 18. Dez 2008, 03:02
Wohnort: Münsterland
Wertungszahl: > 1600 DWZ

Re: Zugfolge 1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Le7 4. Lf4

Beitragvon kladist » Di 19. Jan 2010, 04:48

Stratege hat geschrieben:Nach 1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Le7 kam mir die Tage der an dieser Stelle für mich neue Zug 4. Lf4
aufs Brett.

Mir ist auch erst anhand einer eigenen Partie bewusst geworden, dass es bei dieser Zugfolge ein paar Extramöglichkeiten für Weiß gibt, die in der Literatur wenig Beachtung gefunden haben. Die Absicht von 3.-Le7 ist klar: Schwarz möchte erst Sf3 abwarten, um die weißen Möglichkeiten im Damengambit einzuschränken. Der Preis dafür sind die neuen weißen Möglichkeiten 4.cxd5 exd5 5.Lf4 und 4.Lf4. Zur letzteren:

4.Lf4 Sf6 - Das ist der richtige Zug. - und nun ist 5.Sf3 ein Übergang ins Lf4-Damengambit. 5.cxd5 ist wegen 5.-Sxd5 vollkommen harmlos. Schwarz kann nach 6.Sxd5 sowohl mit dem Bauern als auch mit der Dame zurückschlagen. Unangenehm finde ich eigentlich nur 5.e3 0-0 - 5.-c5 löst das Problem auch nicht so richtig. - und nun muss Weiß nicht 6.Sf3 ziehen, sondern kann sowohl 6.Tc1 als auch 6.c5 versuchen.

Nach 6.c5 b6 7.b4 a5 8.a3 kenne ich keinen klaren Weg zum Ausgleich für Schwarz. Es gibt zwar eine ältere Partie, in der Geller mit Schwarz schnell in Vorteil kam. Aber das lässt sich für Weiß sehr verbessern.

Und auch 6.Tc1 ist interessant. Wegen des Druckes auf c5 muss Schwarz nach 6.-c5 7.dxc5 Lxc5 8.cxd5 mit dem Bauern nehmen. Weiß hat dann eine etwas bessere Isolani-Stellung. Auf 6.-Sbd7 kann Weiß auf d5 nehmen.

Ob Schwarz insgesamt diese Abspiele mehr fürchten muss als die nach 4.cxd5 exd5 5.Lf4, weiß ich nicht. Auf jeden Fall lassen sich solche "Zugfolgen-Probleme" nicht dadurch lösen, indem man krampfhaft einen Übergang in die anderen Varianten sucht.
Benutzeravatar
kladist
Schachfan
 
Beiträge: 90
Registriert: Mi 16. Dez 2009, 21:03
Wohnort: Berlin

Re: Zugfolge 1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Le7 4. Lf4

Beitragvon Stratege » Di 19. Jan 2010, 14:06

Danke für deinen Beitrag, Kladist!

Der Zug 4. Lf4 wird in meiner Literatur leider vollständig ignoriert. Zu meinem Glück war der Gegner am Wochenende schon nach 3... Le7 aus der Theorie geworfen worden und spielte 4. Lf4 erst nach etwas 10 Minuten. Er setzte dann auch mit 5. Sf3 fort, wonach ich wieder für ein, zwei Züge im Buch war. Die schwarzen Alternativen nach 5. e3 werde ich mir mal anschauen.

kladist hat geschrieben:Auf jeden Fall lassen sich solche "Zugfolgen-Probleme" nicht dadurch lösen, indem man krampfhaft einen Übergang in die anderen Varianten sucht.
Nicht krampfhaft, aber Übergäng müssen doch auch berücksichtigt werden, wenn der Zug erstmal keine offensichtlichen Mängel hat?
"Die Tromp- und Colorado-Quote steigt wieder an, genauso wie die Anzahl der gekauften, aber ungelesenen Schachbücher im Schrank (das Zeichen schlechthin für einen ewigen Verlierer!)" IM Ilja Schneider auf schachzoo.twoday.net
Stratege
Administrator
 
Beiträge: 946
Registriert: Do 18. Dez 2008, 03:02
Wohnort: Münsterland
Wertungszahl: > 1600 DWZ

Re: Zugfolge 1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Le7 4. Lf4

Beitragvon kladist » Di 19. Jan 2010, 14:53

kladist hat geschrieben:Nicht krampfhaft, aber Übergäng müssen doch auch berücksichtigt werden, wenn der Zug erstmal keine offensichtlichen Mängel hat?

"Krampfhaft" (kenne ich aber von mir selbst) war wohl missverständlich. Was ich sagen wollte: Es passiert doch regelmäßig, dass man aus seinen Varianten gerissen wird. Und dann vergleicht man natürlich auch. Aber sich zu sehr an den bekannten Varianten zu orientieren, kann auch in die Irre führen. Mehr nicht.

Habe gesehen, dass in der Variante 1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 Le7 4.Lf4 Sf6 5.e3 0-0 6.Tc1 c5 7.dxc5 Beljawski einmal nicht 7.-Lxc5, sondern 7.-Da5 8.Ld6 Lxd6 9.cxd6 Td8 gespielt hat. Ich weiß nicht, wie dies zu bewerten ist. Aber auf jeden Fall ist es auch eine neue Idee von Schwarz in der Situation.
Benutzeravatar
kladist
Schachfan
 
Beiträge: 90
Registriert: Mi 16. Dez 2009, 21:03
Wohnort: Berlin

Re: Zugfolge 1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Le7 4. Lf4

Beitragvon Orang_Utan » Di 19. Jan 2010, 19:26

Ich habe folgendes gefunden und hoffe, dass es weiterhilft:

Botwinnik - Petrosjan, WM-Match 1963 - 14. Partie

1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 Le7 4.cxd5 exd5 5.Lf4 c6 6.e3 Lf5

Kasparow: "Eben wegen dieser Antwort galt der Abtausch auf d5 für Schwarz als ungefährlich."
Botwinnik: "Im Falle von 6... Sf6 7.Ld3 ergibt sich eine Karlsbader Struktur mit dem Läufer auf f4 statt g5, was für vorteilhaft ist."

Kasparow: "In Timman - Karpow, Bugojno 1978 geschah 5... Sf6 6.e3 0-0 7.Dc2 c6 8.Ld3 Te8 9.Sf3 Sdb7 10.0-0-0 Sf8 11.h3 und in dieser günstigen Version der Karlsbader Struktur bekam Weiß einen gefährlichen Königsangriff."

7.g4!
Orang_Utan
Moderator
 
Beiträge: 230
Registriert: Di 8. Sep 2009, 10:43
Wertungszahl: ~2100

Re: Zugfolge 1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Le7 4. Lf4

Beitragvon Stratege » Mi 20. Jan 2010, 12:43

Was du gefunden hast ist noch vergleichsweise gut in der Schachliteratur zu finden, da wollte ich in der Partie ja auch hin. ;) Aber vielleicht hilft es anderen Lesern.

4. cxd5 exd5 5. Lf4 c6 6. e3 Lf5 7. g4 Le6 ist die Hauptvariante, zuerst (?) in der 12. Partie im WM-Match Botwinnik-Petrosian 1963 gespielt, allerdings spielte Botwinnik da 8. Ld3, in der 14. und 18. Parie dann 8. h3:
http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1032628
http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1032629
http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1032625

In diesem System gab es auch andere WM-Partien:
Korchnoi - Karpov 1981: http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1068248 (auch 8. h3)
Kasparov - Karpov 1985: http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1067182 (8. h4 Sd7 9. h5 Sh6!?)
"Die Tromp- und Colorado-Quote steigt wieder an, genauso wie die Anzahl der gekauften, aber ungelesenen Schachbücher im Schrank (das Zeichen schlechthin für einen ewigen Verlierer!)" IM Ilja Schneider auf schachzoo.twoday.net
Stratege
Administrator
 
Beiträge: 946
Registriert: Do 18. Dez 2008, 03:02
Wohnort: Münsterland
Wertungszahl: > 1600 DWZ

Re: Zugfolge 1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Le7 4. Lf4

Beitragvon Peloton » Mi 20. Jan 2010, 12:58

In den K & K -Wettkämpfen kamen die Stellung nach 1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Le7 4. cxd5 exd5 5. Lf4 öfter vor (84/85, 85, 86), wobei Karpow eher 5...c6 und Kasparov eher 5...Sf6 zugeneigt war (wenn ich mich richtig erinnere, prüfe das heute Abend noch mal nach, die haben ja auch gerne mal die Varianten des Gegners übernommen).
Kasparows und Karpows Analysen und Kommentare haben bei mir einiges zum Verständnis beigetragen, auch wenn sie, aus heutiger Sicht, nicht unbedingt noch den Stand der akutellen Theorie widerspiegeln.

Bei der Zugfolge 1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Le7 4. Lf4 fällt mir bzgl. Anwendung in WM-Kämpfen eher Karpow - Kortschnoi ein.
"Chess is not a game for fun!", Anna Sharevich, während sie die Finals des Weltcups kommentierte.
Working on my IM/GM-Titles I'm working as a chess coach... Orginalzitat einer Aussage eines Schachspielers mit einer DWZ <= 1730
Benutzeravatar
Peloton
Schachexperte
 
Beiträge: 430
Registriert: So 30. Aug 2009, 16:32
Wertungszahl: seit geraumer Zeit konstant 2000 +/- 30

Nächste

Zurück zu Abgelehntes Damengambit

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast